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  • satt.org: Literatur: Das Künstlerdrama in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
    er und Fery die Rollen tauschen erscheint Fery die Lage derart aussichtslos dass er sich auf s Abort begibt und erhängt Ein Konflikt zwischen Künstler und Gesellschaft ist in diesem Stück noch nicht einmal am Rande Thema Voraussetzung der Handlung ist zwar ein Kunstmarkt der auch allerlei Allotria goutiert auf dem es zumindest den Protagonisten möglich erscheint sogar Bilder wie Tanne vier Kilometer von St Pölten zu plazieren aber der Kunstmarkt steht keineswegs im Zentrum des Stücks Dargestellt wird in erster Linie ein subkulturelles Milieu in dem sich keine neuen Perspektiven abzeichnen weshalb man sich mit Musik Alkohol und Drogenkonsum und hin und wieder auch mit Malen Schreiben oder Lesen die Zeit totschlägt Wir machen eh nix Und wenn dann vielleicht nur ein kurzer Abtrunk irgendwo sagt der Schriftsteller Charly zu Beginn von Bauers erstem Erfolgsstück Magic Afternoon Und wenn Charly von seiner Freundin Birgit aufgefordert wird statt nur herumzuhängen vielleicht wieder einmal etwas zu schreiben antwortet er I kann höchstens ein Stück wo zwei auf der Bühne sitzen und Platten hören a Platten nach der andern Entsprechend ist die Haltung seines Kollegen Joe Na wenn man was machen würde dann ganz was lockeres So wie wir jetzt reden sowas vielleicht das ist angenehm aber sonst Diese Dialoge sind charakteristisch für alle Stücke Bauers Immer sind die dramatis personae antriebs und ziellos Daher geraten seine Künstler auch nicht als Künstler in Konflikt mit dem Leben oder der Gesellschaft Man hat Bauers Stücke als naturalistische Milieudarstellung gewürdigt Sie seien indes so Peter Handke über Magic Afternoon kein photographisches Idyll sondern bewirkten eine Art von Halluzination des Zuschauers vor lauter Übergenauigkeit Angesichts von Change betonte auch Botho Strauss die scheinbar kopierende Wirklichkeitsdarstellung habe ganz andere Motive als der alte literarische Naturalismus der etwa die Erfahrung nicht machte daß man sich gezwungen sieht die äußeren realistischen Erscheinungen und Lebensformen selbst als Kunstvorgänge zu rezipieren Denn je exakter die natürlichen Vorgänge auf der Bühne in Bauers Stücken nachgebildet werden um so deutlicher klären sie die Illusion die über ihre Natürlichkeit verhängt ist Wenn aber die Realität nur als manipulierte und damit künstliche Realität erfahrbar wird ist die tradierte Unterscheidung von Kunst und Leben hinfällig In seinem Stück Silvester oder Das Massaker im Hotel Sacher zieht Bauer aus dieser Überlegung die Konsequenz Dort muss ein Dramatiker eine Auftragsarbeit fertigstellen ist mit ihr aber überfordert lädt deshalb einige Bekannte ins Wiener Hotel Sacher ein und nimmt ihre Gespräche heimlich mit einem Tonband auf Aus der Transkription der Aufzeichnungen besteht schließlich das Stück das er abliefert und aus nichts anderem besteht letztlich auch Bauers Drama Ein gesellschaftskritischer Effekt ergibt sich hier ausschließlich durch das was Erving Goffman als Framing als Rahmung bezeichnet hat Indem Bauer eine Kopie der Wirklichkeit die nur eine vermittelte Wirklichkeit ist auf der Bühne ausstellt wird dem Zuschauer eine Haltung zu den gezeigten Verhältnissen abverlangt die Bauer selbst im Gegensatz etwa zu Peter Weiss verweigert Diese Zuschauerhaltung bestand entweder in empörter Ablehnung durch das Abonnentenpublikum oder in rückhaltloser Begeisterung mit der Begründung dass sich der Alltag der Subkultur im bürgerlichen Theater einen kulturellen Raum erobert habe der bis dato nur der Sinngebung ins Höhere Dieter Baacke vorbehalten gewesen sei In der Rezeption seiner Stücke erlebte Bauer also durchaus eine Dichotomie zwischen Kunst und Gesellschaft Doch in den 1970er Jahren verlor sich allmählich das Provokante seines Verfahrens Das liegt unter anderem daran dass es zwar nicht ohne Raffinesse ist aber unbestimmt bleibt Das Resultat lässt sich wie bei einer Kippfigur gleichermaßen als Affirmation wie als Kritik der dargestellten Zustände begreifen und bleibt in beiden Lesarten ohne die geringste Andeutung einer Alternative III Albert Ostermaiers The Making Of B Movie Albert Ostermaiers The Making Of B Movie entstand als Auftragsarbeit des Bayerischen Staatsschauspiels zum 100 Geburtstag Brechts Lose griff er Motive aus Brechts dramatischem Erstling Baal auf das wie bei Ostermaier eine Auseinandersetzung mit einem Künstlerdrama ist mit Hanns Johsts Der Einsame Hanns Johst wiederum thematisierte in seinem Stück Leben und frühen Tod des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe und zeichnete ihn ähnlich wie Peter Weiss Hölderlin als einsamen visionären Dichter auf den seine Zeitgenossen mit Unverständnis reagierten Brecht konterkarierte diese idealistische Verklärung und machte aus Baal einen anarchischen sich oft rüpelhaft benehmenden asozialen auf Eigennutz und Triebbefriedigung bedachten lyrischen Dichter In Ostermaiers Stück überredet der Schauspieler Silber den nach Afrika geflüchteten Kollegen Andree nach Europa zurückzukehren und dort einen jederzeit zu äußerster Gewalt bereiten Soldaten zu spielen der Gedichte und Stücke schreibt Ab morgen bist du eine Kampfmaschine die schreibt kein Lyriker der sich nicht verkaufen kann Silber verspricht für die Texte und das Marketing zu sorgen Andrees Rolle besteht nur darin der von Silber konstruierten Figur ein Gesicht zu geben Nachdem der Pakt geschlossen ist wechselt Andree seinen Namen und nennt sich Brom An der Härte Asozialität und Unbedingtheit die Brom nach Silbers Willen zu verkörpern hat ergötzt sich sofort die Kulturschickeria Ein Dichter kälter als der Tod schwärmt etwa der Kritiker Müller Schuppen Brom eignet sich seine Rolle jedoch mit einer Konsequenz an dass niemand Silber ernstnimmt als er von einem Fake spricht und Broms wahre Identität enthüllt So wie Blasi Okopenko in Wolfgang Bauers Change macht sich auch bei Ostermaier die Kunst bzw Künstlerfigur selbständig und wie Fery bei Bauer kommt Silber bei Ostermaier am Ende ums Leben hier allerdings nicht von eigener Hand Brom ist aber nicht nur eine aktualisierte Neuauflage von Brechts Baal denn Ostermaier griff für das Stück auch auf einen Literaturskandal der 1950er Jahre zurück Unter dem Namen George Forestier hatte der Lyriker Erzähler und Verlagslektor Karl Emerich Krämer zwei Gedichtbände herausgegeben und in seinem Nachwort behauptet es handle sich um die Verse eines Elsässers der als Fremdenlegionär in Indochina gekämpft habe und dort seit Herbst 1951 verschollen sei Da die Gedichte große Beachtung gefunden hatten war die Aufregung groß als der Verlag im Herbst 1955 diese Fälschung bekannt machte Um die Handlung die durch ihren Zitat und Anspielungscharakter ohnehin schon jedes Verdachts der Authentizität beraubt ist noch weiter zu fiktionalisieren gab Ostermaier seiner Geschichte von Brom und Silber zusätzlich noch einen Rahmen der auch die etwas plakative Namenswahl 3 erklärt 3 Brom und Silber sind unverzichtbare Elemente der Photochemie also der materiellen Basis jeder Filmproduktion vor Beginn des digitalen Zeitalters Wenn die Zuschauer den Raum betreten sehen sie ein Fernsehteam das anscheinend Vorbereitungen trifft das Stück aufzuzeichnen Am Rande der Bühne ist ein Regiepult und Schneideplatz installiert sowie eine Videoleinwand auf der die Zuschauer die Schnitte und Bildregie des Fernsehteams verfolgen können Die Kamerafahrten werden zum Alternativauge des Betrachters es entsteht ein gezielter Konflikt zwischen der real und live erlebten sinnlich erfaßten Bühnenwirklichkeit und der medialen Umsetzung und Manipulation Der Effekt ist eine Episierung Das Bühnengeschehen das die Inszenierung einer Inszenierung zeigt wird wiederum Gegenstand einer Verfilmung die selbst auch nur eine Inszenierung ist Was Ostermaier dergestalt in Szene setzte war das Resultat zu dem Brecht in seiner Schrift Der Dreigroschenprozeß aus dem Jahr 1931 gekommen war Das Kunstwerk als adäquater Ausdruck einer Persönlichkeit wird im medialisierten kapitalistischen Kulturbetrieb genauso zu einer Chimäre wie die Vorstellung von einem authentischen Individuum Trotz der mehrfachen perspektivischen Brechung ergibt sich die Aporie einen Kulturbetrieb in kritischer Absicht vorzuführen an dem der Autor selbst partizipiert zum Beispiel mit dem Stück The Making Of B Movie Diesem Widerspruch entging auch der Regisseur der Inszenierung am Kölner Schauspielhaus Volker Hesse nicht Er plazierte Statisten die wie durchschnittliche Theaterbesucher aussahen ins Publikum die der Darsteller des Brom dann verbal und körperlich traktierte wodurch das Stück zu einem Publikumsschocker wurde Zwar gelang auf diese Weise die Provokation aber gerade darin bestand auch ihr affirmatives Moment diente sie doch innerhalb der Theaterszene damit vor allem zur Akkumulation symbolischen Kapitals Man hat Ostermaier vorgeworfen er habe mit bildungshuberischen Verschlüsselreizen die älteren und mit seiner Remix Technik die jüngeren Theaterzuschauer für sich einnehmen wollen und doch nur einen an den zerrauften Haaren der Ideenlosigkeit herbeigezogene n Plot Christopher Schmidt zustande gebracht Auf diese Weise könnte man auch Brecht seine zahlreichen literarischen Anleihen in Baal vorhalten obwohl sie für die beabsichtigte Kontrafaktur zur expressionistischen Feier des Genies durchaus legitim erscheinen Nicht Ostermaiers Arbeitsweise an sich ist daher fragwürdig sondern das prekäre Verhältnis von The Making Of B Movie zu Baal als einem der literarischen Prätexte Das Stück Baal notierte Brecht in seinem 1953 veröffentlichten Aufsatz Bei Durchsicht meiner ersten Stücke mag denen die nicht gelernt haben dialektisch zu denken allerhand Schwierigkeiten bereiten Sie werden darin kaum etwas anderes als die Verherrlichung nackter Ichsucht erblicken Im Gegensatz zu Johsts Heroisierung des verkannten Genies zielte Brecht auf den untrennbaren und durchaus tragischen Zusammenhang von Genuss und Selbst Zerstörung Diese Dialektik kommt aber in Ostermaiers Verschränkung von Baal Motiven und Brechts Kritik an der Kulturindustrie abhanden IV Rainald Goetz Jeff Koons Ostermaier spitzt in seinem Stück Phänomene des Kulturbetriebs parodistisch zu Die inhärente Medienkritik ist aber von großer Allgemeinheit damit ungenau und in nuce das Gegenteil dessen was Rainald Goetz von einer gelungenen Medienkritik erwartet In Goetz Erzählung genanntem Text Rave heißt es dazu Daß jeder Schreiber immer denkt weil er natürlich so viel mit anderen Schreibern über andere Schreiber und die Medien überhaupt redet nichts wäre leichter als ein bißchen lässige Medienkritik Und dann immer irrt Weil es ziemlich schwierig ist das wirklich gut zu machen Entweder man wird superpedantisch seriös und dröge und ficht das Ding wirklich argumentativ durch oder Normalfall es wird der zu kritisierende Text weil man ihn für falsch hält in einem ironischen zitategespickten Nacherzählsound referiert der dauernd so tut als wäre die Argumentationsarbeit längst geleistet und allen eh bekannt weshalb man sie sich so die soundmäßige Unterstellung gleich ganz sparen kann und man macht es sich gerade auf dieser Nullbasis schön schlaff dahinlallend so richtig schön gemütlich bis plötzlich huch jetzt schon der Text auf einmal aus ist Das war es dann Und das ist eben zu wenig Statt Argumente bietet man nur diesen schlechten extrem billigen und abgedroschenen Sound gemeinsamer Konsense von Herrschenden kollektiv dissidierender Dissenskonsense Das ist der Spaß für die ganz Armen die geistige Vergnügung für die Allerärmsten im Geiste Eine argumentative Medienkritik wie Goetz sie hier fordert liefert er in seinen Büchern selbst kaum Statt dessen begibt er sich in literarisch unerschlossene Bereiche der Wirklichkeit um sie schreibend zu rekonstruieren Das geschieht mit dem Bewusstsein dass dieses Unternehmen scheitern muss Zumindest ausschnitthaft will Goetz trotzdem versuchen durch Protokollierung und Kommentar Wirklichkeit abzubilden und Momente von Intensität festzuhalten Was ist es was total bekiffte Leute beim Tanzen zu Techno Musik empfinden ist zum Beispiel eine Frage der er in Rave nachgeht und zwar so Er schaute hoch er nickte und fühlte sich gedacht vom Bum bum bum des Beat Und der große Bumbum sagte eins eins eins und eins und eins und eins eins eins und geil geil geil geil geil Er sah Hardy und Leksie Gesichter und Blicke im Takt gestolpert gedrängelt gestoßen berührt Sah das Kaputte Beglückte Vertrauen und Zartes die vielen Signale schnell kurz ganz klar vom nächsten schon wieder verwischt in Wellen von Sympathie Er schaute und tanzte und sah das Schöne Vom Rand her kamen die Beine und Lichter auf Füßen in Flashs die Schritte und Bässe die Flächen und das Gezischel die Gleichungen und Funktionen einer höheren Mathematik Er war jetzt selber die Musik Goetz Verfahren ist eine Art mimetischer Nachvollzug bei dem er sich auch nicht scheut auf abgegriffene Klischees zurückzugreifen wenn das dazu dienen kann Erfahrungen erfahrbar zu machen Momente festzuhalten in denen das medial vernetzte Subjekt vielleicht nicht authentisch ist sich aber doch authentisch fühlt und damit zumindest ein Effekt der Unmittelbarkeit entsteht Eine hergestellter Effekt der Unmittelbarkeit ist jedoch keineswegs Unmittelbarkeit sondern Resultat einer Vermittlung Dieses Problem stellt sich nicht erst bei der Rezeption ein sondern ist schon eines der Produktion Der Akt des Aufzeichnens kann nie zeitlich kongruent mit den Bewusstseinsakten sein die festgehalten werden sollen Selbst das Schreiben über das was man gerade schreibt ist eine Rekonstruktion du temps perdu Goetz weicht diesem Problem mit einer obsessiven Strategie immer neuer Anläufe aus ohne dass dadurch je gelingen könnte die Distanz zur Realität in der Rekonstruktion aufzuheben Das Obsessive geht soweit dass er zuweilen einfach mitschreibt was er gerade im Fernsehen sieht In seinem Tagebuch Abfall für alle berichtet er auch von Gesprächen auf der Buchmesse die er sofort schriftlich fixiert Die Notiererei nervt natürlich alle auf die Dauer klar Zerstört immer neu die Unmittelbarkeit der Situation für die anderen für mich besteht die eh nicht Rave und Abfall für Alle sind zwei Teile des fünfteiligen Projekts Heute Morgen das 1999 mit Rave begonnen im Jahr darauf mit dem Theaterstück Jeff Koons und Texten und Bildern zur Nacht unter dem Titel Celebration fortgesetzt wurde Danach folgte zunächst Abfall für Alle ein zuerst im Internet veröffentlichtes Tagebuch eines Jahres und schließlich das Tagebuch Dekonspiratione Das Gesamtprojekt besteht also aus der Kombination heterogener Formen die in ihrem Mit und Gegeneinander eine fünfbändige Geschichte der Gegenwart ergeben sollen Jeff Koons handelt von einem Wochenende Kunst Es geht erläutert Goetz in Rave um die politischen Aspekte künstlerischer Praxis in einem gewissermaßen klassischen Künstlerdrama unter den gegenwärtigen Bedingungen heute also nach 1989 Was immer das heißt Das Stück demonstriert Haltungen die Sprecher zur Kunst und zum Kunstmarkt einnehmen Mal sind sie fasziniert mal gelangweilt oder betreiben einfach nur modern talking halloo ja klar du auch natürlich ja Mensch Mann ganz toll und wie ich freue mich ja ja na ja es geht und du hallo halloo sehr schön ich auch Das Stück zeigt diverse Situationen vor während und nach einer Vernissage Nirgends lässt sich eine bewertende Instanz ausmachen Es gibt nicht einmal Personen eine Entwicklung Man kann lediglich verschiedene Sprechsituationen unterscheiden dialogische und monologische Wer jeweils spricht wird im Text nicht festgelegt Selbst den Titelhelden gibt es nicht Der Name des Konzeptkünstlers Jeff Koons steht zwar auf dem Umschlag der Buchausgabe aber er kommt als Rolle im Stück nicht vor Dass Koons daher wie der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier meinte zu einem Helden des reinen Herzens des großen Aufatmens ä ä geil geil ja ja werde lässt sich am Text nur schwer festmachen Auch der formale Aufbau ist verwirrend Das Stück beginnt auf S 15 mit dem dritten Akt der erste folgt auf S 37 der fünfte steht nach dem siebten Auf diese und andere Eigentümlichkeiten reagierten Regisseure mit diametral entgegengesetzten Realisierungskonzepten Bei einer Inszenierung in Bonn wurde das Stück den Bühnenkonventionen angepaßt mit einem hinzuerfundenen Jeff Koons als Protagonisten samt seiner Frau als Muse Erzählt wurde eine lineare Geschichte die von Schaffenskrise Kunstproduktion und Kunstrezeption handelt Bei der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus die nur wenige Wochen vor der Bonner Inszenierung zu sehen war wurde der Text auf insgesamt neun Sprecher verteilt Diese Verteilung wirkte beliebig eine Handlung war nicht erkennbar Der Text trat in seiner Bedeutung hinter anderen Elementen der Bühnenrealisation zurück So unterschiedlich das Stück in Bonn und Hamburg auch inszeniert wurde es war jedes Mal ein Nachvollzug bei dem sich der Zuschauer in Distanz zum Geschehen befand Eben darin besteht das Klassische des Stücks Es bleibt Guckkastentheater Wie Wolfgang Bauer okkupiert Goetz mit Jeff Koons lediglich einen Raum der Hochkultur und verschafft sich damit eine Legitimation seiner privilegierten Sprecherposition als Autor Proklamiert wird von ihm aber das Erleben des Jetzt Und das erreicht man bei diesem Stück nur wenn man es als Darstellung eines Konglomerats von disparaten Haltungen begreift die in keine Werthierarchie eingeordnet sind also als Darstellung von Haltungen die dann wenn man sie selbst probeweise nacheinander einnimmt eine innere Bewegung entstehen lassen Diese Bewegung besteht entweder in einer fortwährenden Negation einer fortwährenden Affirmation oder ad libitum einem Wechsel von Affirmation und Negation Allenfalls im Vollzug dieser Bewegung kann im Umgang mit diesem Text ein Jetzt entstehen Verlangt ist mithin eine experimentelle Haltung wie sie Goetz selbst einnimmt von dem der Literaturkritiker Hubert Winkels einmal treffend sagte er verhalte sich wie ein Ethnologe der auf die Seite des Untersuchungsobjekts wechseln möchte Das geht zwar gar nicht aber aus dieser Spannung zwischen Absicht und Vermögen gewinnen Goetz Texte in den besten Momenten ihre Intensität Sein Dilemma sieht er selbst darin Daß genau das schon der Fehler ist sich als Beobachter der Gegenwart zu sehen Daß das genau der Unterschied zur Vergangenheit wäre daß man die nur beobachten kann die Gegenwart aber selber nur sein kann leben muß Und daß das das Anstrengende und Schwierige ist die Zeit mehr oder weniger einfach durch sich durch zu lassen Für die Gegenwart kann man sich nicht interessieren Die Gegenwart ist ein Zerstörungs und Erschöpfungsvorgang in einem dem man ausgeliefert ist sich hingibt der man dadurch WIRD Dieses Dilemma das verblüffende Parallelen zu dem von Brechts Baal aufweist ist erkenntnisfördernd weil es die Opposition von Literatur und Leben im Künstlerdrama auf eine neue Weise radikalisiert Es zeigt dass es eine Gegenwartsliteratur im strengen Sinn des Wortes nicht geben kann Literatur kommt stets zu spät oder ist ihrer Zeit voraus sie verfehlt aber immer das Jetzt Für performative Künste gilt das auf den ersten Blick nicht notwendig Wie weit sie dadurch in der Lage sind Authentizität zum Ausdruck zu verhelfen ist das Thema in Falk Richters Gott ist ein DJ das 1999 am Mainzer Staatstheater uraufgeführt wurde V Falk Richters Gott ist ein DJ Noch bevor die erste Folge von Big Brother über deutsche Fernsehschirme flimmerte die erste Staffel lief vom 28 Februar bis zum 9 Juni 2000 führte Richter in seinem Stück ein Künstlerpaar vor das nonstop von Kameras umgeben ist die alles was die beiden Protagonisten tun sie heißen lediglich ER und SIE live ins Internet übertragen Ihre Einzimmerwohnung ist in einer Kunsthalle nachgebaut Dort bewegen sie sich innerhalb einer Spielvereinbarung die sie immer wieder auf die Frage führt Was ist echt was nicht SIE verkündet einmal ein neues ihrer Lage angepasstes Identitätskonzept das das Authentische nicht aufgibt Es geht darum denke ich gegen den Zugriff der Medien immun zu werden unfaßbar ungreifbar sich zu bewegen wirklich zu surfen und zwar wirklich echt zwischen unterschiedlichen selbst konzipierten Identitäten zu surfen in unregelmäßigen Abständen unterschiedliche Formen anzunehmen Im Grunde ein intelligentes Davonlaufen Schnellersein sich neue Identitäten jederzeit irgendwo neu

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_drama.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Norbert Kron: Der Begleiter
    Nichts weiter Kein geringerer als der Skandalautor Oskar Wilde äußerte diesen Gedanken in seinen Vorbemerkungen zum Dorian Gray Menschliches zu beschreiben wohnt der Literatur seit Anbeginn inne Wie weit das Menschliche das Moralische gefasst ist unterliegt den Interpreten der jeweiligen Epoche Skandalös kann daher ein Buch im Jahre 8 des neuen Jahrtausends kaum sein welches sich dem Eros widmet Dem Geschäft mit der Liebe Und doch erregte das Erscheinen des neuen Romans von Norbert Kron einiges Aufsehen Die Buchvorstellung des Begleiters fand in einem ehemaligen Bordell am Savignyplatz in Berlin statt das inzwischen eher einen bieder gepflegten als einen erotisch aufgeladenen Eindruck vermittelt Mehr als hundert süffisant grinsende Bürger zwängten sich hinein Norbert Kron ist der Gentleman per exellance Eine gepflegte schlanke Erscheinung stets charmant und äußerst höflich Selbst die aufdringlichsten Fragen der Moderatorin beantwortete er lächelnd beinahe zärtlich Auch eine häßliche Frau müsse für einen Begleiter begehrenswert sein natürlich Geschickt wich er den Fragen nach dem reelen Recherche Einsatz für sein Buch aus blieb unverbindlich souverän Diskret leise auch nach zwei schweißtreibenden Stunden gut in Form So ein Mann könnte wirklich der Beglücker einsamer reicher Damen sein Sein Roman dauert drei Akte und zwei Zwischenspiele lang drei wichtige Frauen bestimmen ihn Elisabeth Vonhofen die Geheimnisvolle erscheint als flüchtiger Engel Alexander Felitsch der arbeitslose und vor allem geldlose Journalist wird von der engelsgleichen als Begleiter gebucht Dass ausgerechnet sie in die er sich verliebt seine körperlichen Dienste nicht in Anspruch nimmt bildet den Dreh und Angelpunkt des Buches Ein Makel eine Unzulänglichkeit der Hauptfigur Wie in seinem ersten Roman Der Autopilot durchlebt der Mann im mittleren Alter eine Krise Diesmal ist die Partnerschaft schon gescheitert ist das Kind wenn auch nicht das eigene längst geboren Es geht um Sinnliches und Sinn Wozu lebt die reiche Frau Was kann sie mit

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_kron.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Kinderbuch: Marie-Thérèse Schins: Eine Kiste für Opa
    ist mit dieser Reise denn alle gehen dorthin irgendwann in einer Kiste Statt also lange über das Unabwendbare zu lamentieren machen sich die beiden frohen Mutes auf die Suche nach einer geeigneten Kiste Diese erfüllt nämlich nicht nur wie hierzulande lediglich die schlichte Aufgabe den Körper aufzubewahren nein sie sagt auch etwas über den Menschen darin aus und wie er sein Leben gelebt hat So erklärt sich auch das Huhn auf dem Buchumschlag Es ist der Sarg der Oma die alle ihre zehn Kinder wie Küken liebt Was folgt ist ein Aufzeigen und Verwerfen aller möglichen Gegenstände und ihre Relevanz für das Leben von Opa Mensah Für den Alten ist die Suche nach der Kiste also auch eine Möglichkeit sein Leben noch einmal Revue passieren zu lassen Der Junge indes hat so die Möglichkeit seinen Opa aus einem neuen weil abgeklärterem Blickwinkel kennenzulernen Dem Jungen erscheint die Idee sich in einem Bootssarg beerdigen zu lassen ganz einleuchtend Doch der Opa war seinen Lebtag Fischer und kann sich etwas Schöneres vorstellen als im Arbeitsplatz beerdigt zu werden Schließlich macht das Leben mehr aus Für diese Geschichte findet Birte Müller die passenden Illustrationen Alle Vorschläge Kofis greift sie auf und verdeutlicht sie mit einfachsten graphischen Mitteln Die Kisten sind dabei jeweils das bildbestimmende Motiv zu denen der Junge und sein Opa in Aktion treten Etwa wenn ein Löwe als Sarg zur Debatte steht und Kofi die Stärke des Tieres rühmt und sich aufbaut wohingegen der Opa lakonisch mitteilt ich mag nicht mehr stark und mutig sein und kämpfen müssen In wundervoll leuchtenden und warmen Farben erscheinen die flächigen Gegenstände wobei die beiden Sucher jeweils als dunkler Farbkontrast wirken Ihre Auflösung findet die Suche in Form einer Rakete Sie versinnbildlicht so zum einen den Aufbruch zu einer Reise in unbekannte Gegenden und zum

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_kiste.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Benjamin Kunkel, Keith Gessen (Hg.): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie
    Sammlung von Magazin Essays ist klug und unterhaltsam manches ist neu etliches keins von beidem Und je jünger die Autoren waren je älter die Texte also sind desto besser sind sie Inzwischen sind die Autoren ihrem Ziel ein respektierter und gut bezahlter Teil des Betriebes den sie einst herausgefordert haben zu werden ziemlich nahe Während im Herbst 2007 die beiden n 1 Begründer Benjamin Kunkel und Keith Gessen zur Vorstellung ihres Magazins in die Alte Welt nach Berlin kamen lud ich Kunkel quasi nebenbei zu einer Lesung aus seinem damals gerade auf deutsch erschienenen Roman Unentschlossen in Deutschlands größtes Männergefängnis die JVA Tegel ein Ich war mir nicht sicher ob Kunkel an einem solch heiklen und zudem unbezahlten Projekt teilnehmen würde Kunkel tat es jedoch gerne machte allerdings zu Bedingung auch seinen in Moskau gebürtigen Freund Gessen mitbringen zu dürfen und vor den deutschen Gefangenen auch über n 1 sprechen zu können Natürlich durften die beiden und natürlich fragten die schweren Jungs von Berlin Tegel die beiden New Yorker ein paar höfliche Dinge schrieben aber hinterher in ihrem Knastmagazin Benjamin Kunkel ist als New Yorker neuer Star am Schriftsteller Himmel apostrophiert der Textauszug aus seinem neuen Roman ließ trotz seiner relativen Beliebigkeit wie es uns hier erschien erahnen dass er mit den Mitteln eines sarkastischen Humors Erscheinungen unseres modernen westlichen Lebensstils hintergründig zu kritisieren sucht Freilich auf amerikanische Verhältnisse sich beziehend und damit dem Erfahrungsalltag des Durchschnitts Tegelianers weit enthoben Quelle Kunkel und Gessen meinten dann im Gespräch mit den Häftlingen ein wenig schüchtern man solle lieber über deren Geschichten reden das wäre interessanter als ihre Texte Das war nicht ironisch gemeint und traf in diesem Moment wahrscheinlich auch zu Das Gespräch verlief dann teilweise nicht nur auf Englisch sondern sogar auf Russisch aber es ist nicht bekannt ob später einer der Tegeler Gefängnisinsassen n 1 tatsächlich abonniert hat Leidenschaftliche Leser und Vorschläge zur Verbesserung der Welt gibt es jedoch auch in der JVA Tegel nicht wenige Aber zu unserem Suhrkamp Bändchen Absolut lesenswert und herausragend aus der Fülle der qualitativ sehr unterschiedlichen Texte ist Mark Greifs Essay Gegen das Training der die kulturelle Absurdität des Fitnesswahns entlarvt welcher sich derzeit über den ganzen Globus verbreitet Zu Recht war dieser Text schon in The best American Essays von 2005 zu lesen Zeitlos brillant auch Keith Gessens Essay zum Thema Geld über die fiskalischen Hinter und Abgründe des Literaturbetriebs den er 2007 anlässlich einer n 1 Vorstellung beim internationalen literaturfestival berlin auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt vortrug Erwähnenswert zudem Benjamin Kunkels hybrides Diana Abott Ein Lehrstück in dem er eine unbedeutende junge Gelegenheits Literaturkritikerin all seine Zweifel und massiven interessanten berechtigten Kritikpunkte über die Bücher des südafrikanischen Schriftstellers John Coetzee denken und erwägen lässt ehe sie ihren beabsichtigen Text darüber anlässlich der plötzlichen Radionachricht über dessen Nobelpreis Zuerkennung nicht schreibt Warum es jedoch unbedingt der Maske einer fiktiven Person für seine Überlegungen bedurfte bleibt nur angedeutet und wirkt letztlich nicht überzeugend Überhaupt wirkt Kunkel eher dort kompetent und

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_n+1.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Olja Savičević: Augustschnee. Erzählungen.
    Intentionen einer Autorin von der noch viel zu erwarten ist Schon äußerlich eine Augenweide mit dem verspielten Scherenschnitt eines von Blumen umrankten Kindes bietet der Band mit 22 Erzählungen der Mittdreißigerin leichtfüßige Einblicke in Abgründe des menschlichen Seins In wenigen Sätzen und Bildern entwirft die Autorin Szenarien die am ehesten an Joycés Dubliner erinnern Unerwartete Wendungen überhöhte Phantasien und ein beinah ewiger Sommer nur durch geträumten Schnee ein wenig abgekühlt zeichnen die Storys aus Sommer in den Städten auf den Inseln und an dem Morgen als eine junge Frau einen kleinen harten Knoten unter ihrer Brustwarze ertastet Die Geschichte Matinee hingegen beginnt im Winter Es war einmal eine große Bergbaustadt heißt es und damit ist schon alles umrissen Der Bergbau wurde aufgegeben und mit ihm die Stadt aus der alle fortzogen Alle bis auf die Kellnerin Jelena die auf die Rückkehr ihrer großen Liebe Tomas wartet und die Alten Als es Frühling wird finden sich die Alten in der Disktothek ein in der Jelena Flaschen und Gläser sortiert Sie trinken und beginnen nach Abba zu tanzen schunkeln und lachen man bräuchte eine Tombola Sie feiern gleichsam einen Totentanz Als sie fort sind kehrt Stille ein Die Stadt versank in Dunkelheit in einen geöffneten Tiegel der Nacht Jemand sang den Mond an ein anderer wälzte sich im Schlaf herum Ergreifend ist die Beiläufigkeit mit der sich der Krieg in die Geschichten schleicht In Ein Nachmittag mit Lucija Barbari besucht die Erzählerin eine Beerdigung ebendieser Lucija mit der sie seinerzeit das Abitur bestand Was bleibt nach zwölf Jahren von dieser Bekanntschaft was blinkt durch die Zeit von den Zweifeln Hoffnungen und Motiven der Halbwüchsigen Auf der Straße unter ihrem Fenster waren viele Jungen auf ihren Vespas Nie wieder später im Leben waren Jungen so schlank und schön Küsst sie jetzt fordert Savičevi

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_augustschnee.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Mordsmäßig 4: Kinderwunsch, Kindersegen, Kinderfluch
    Verbrecher sondern ein sanftmütiger verantwortungsbewusster Mann der mit seiner Frau keine eigenen Kinder bekommen kann Der Fall verläuft sich im Sande niemand hat ein wirkliches Interesse daran die Hintergründe zu enthüllen Brunetti stochert ein wenig herum doch weit kommt er nicht Erst der Überfall auf eine Apotheke bringt etwas Licht ins Dunkel Doch was zum Vorschein kommt ist weit anders als erwartet Ein Fall der eigentlich kein Fall ist ein Krimi ohne Mord ja ohne jeden Toten Und doch ein fesselndes Buch Keine Literatur eindeutig ein Kriminalroman aber einer der allein von der Atmosphäre und den Figuren lebt Donna Leon versteht es komplexe Fälle und komplizierte Themen in wirklich gute Unterhaltungsliteratur zu gießen Venedig wird ihr zum Brennglas globale Veränderungen internationale Verflechtungen gesellschaftliche Tendenzen in Leons Romanen wird dies heruntergebrochen auf das tägliche Sein Was bedeutet es in einer Welt zu leben in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklafft Was heißt es für den Einzelnen wenn in ärmeren Ländern Kinder geboren werden die nicht ernährt werden können während kinderlose Paare in den reichen Industrienationen alles geben würden für ein Baby Der Handel mit Kleinkindern bleibt verwerflich aber wie herzlos und auch hilflos ist ein Staat der Kinder die sehr lange Zeit illegal bei einem Elternpaar lebten aus der gewohnten Umgebung reißt um sie in ein Waisenhaus zu zwingen Andererseits Gekaufte Kinder bei den Wunscheltern zu lassen die sich durch die Transaktion strafbar gemacht haben würde das Prinzip des Rechtstaats unterhöhlen Es gibt keine Lösung Leon maßt sich nicht an zu wissen wie die Welt funktionieren sollte Mithilfe ihres Commissario Brunetti betrachtet sie die Verhältnisse und hinterfragt sie Und das tut sie klug und scharfsichtig Der Roman bleibt nicht etwa mit klagender Resignation vor den großen gesellschaftlichen Problemen stehen denn mit ihnen verwoben sind die Gemeinheiten für

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_krimi-4.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Marjaleena Lembcke, Heike Ellermann: Der Gänsegeneral
    den General dennoch kein Grund auszuruhen gilt es doch vorbereitet auf den nächsten Krieg zu sein So viel Stress kann natürlich nicht gut gehen und nach einem Schlaganfall findet er sich in einem Krankenhaus wieder Der gesamte Staatsapparat ist in Sorge um ihn Was ihn nicht weiter stört er will lieber Bratkartoffeln und in Ruhe gelassen werden Von Krieg will er fortan nichts mehr wissen Lembckes Geschichte erscheint schon im Schriftbild gleich einem Gedicht abgesetzt in kurze Strophen Für diese Sprache findet Heike Ellermann immer die passenden Bilder Wenn der General im Krankenhaus liegt erkennt man nur das Fußende seines Bettes eine Collage aus gerupftem und geschnittenem Papier In die Bildmitte hat sie eine Karte montiert von der aus rote und blaue Soldaten auf das Bett strömen gleichsam als würden sie den General um Befehle und somit Sinn im Leben bitte Doch er hat anscheinend genug vom Befehlen und auf dem nächsten Bild liegen die Soldaten wie fallen gelassenes Spielzeug auf dem Boden Heike Ellermanns Illustration erinnert mit den Briefnachrichten des Generals an die frühen direkten Aktionen der Anti Kriegs Bewegung wenn sich ganz programmatisch die Frage Wem nützt der Krieg in den Vordergrund drängt Wenn für sein Umfeld sehr schnell klar ist Der General ist verrückt dann offenbart sich für den Leser jedoch ein feinfühliger Wandel in diesem Menschen für den Krieg vormals der Lebensinhalt war Auch für Kinder nachvollziehbar ist wie der General ausgelöst durch die Beinahe Todeserfahrung einen Wandel zum Pazifisten hin durchmacht Zum Beispiel wenn er sich Brieftauben zulegt und diesen kleine Botschaften auf den Flug mitgibt Krieg ist Gewalt steht etwa auf diesen Die Illustratorin verzichtet hier bewusst auf die verkitschte Darstellung einer symbolschwangeren Friedenstaube Stattdessen rieseln die Notizzettel über die Buchseite im Hintergrund eine pixelige Landschaft überspannt mit einem Rechenblockgitter Im letzten Bild taucht

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_gaensegeneral.html (2016-02-14)
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  • satt.org: Literatur: Peter Kurzeck: Ein Sommer, der bleibt
    ohne Unterlass und mit niemals nachlassender Begeisterung von seiner Kindheit berichtet in ausladender Form ausschweifend zuweilen aber niemals schwadronierend immer den roten Faden in der Hand haltend mit der Lust an Geschichten die das Leben schreibt Erinnerungsarbeit ist das Thema vieler seiner Bücher hier hat er dafür die passende Erzählform gefunden Die sorgfältige Produktion macht es möglich dass man sich ganz nah am Geschehen fühlt jedes Luftholen Kurzecks ist deutlich zu hören ein Gefühl als ob man mit ihm zusammen im Wohnzimmer sitzt Geboren in Tachau in Böhmen wurden er und seine Familie 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben sie siedelten in Staufenberg Hier verlebt Kurzeck seine Kindheit von der er in diesem Hörbuch rührend und unsentimental erzählt Kurzeck geht es nicht um Linearität viel eher kreisen seine Erzählungen um Konstanten wie etwa den Zug aus Hamburg vom dem sich der kleine Peter immer vorstellt er fahre ans oder komme vom Meer oder den Basaltfelsen auf dem die Burg Staufenberg gebaut ist Und so funktioniert ja auch Erinnerung In Schüben in Spiralen Dabei gelingen Kurzeck immer wieder wunderschöne Allegorien In einer der schönsten Episoden erzählt er von seinem Taschenmesser mit Perlmuttgriff das ihm seine Schwester einmal aus einem Urlaub an der

    Original URL path: http://www.satt.org/literatur/08_08_kurzeck.html (2016-02-14)
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