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  • satt.org: Musik: Kerstin Grether: Zungenkuss. Du nennst es Kosmetik, ich nenn es Rock'n'Roll
    den Jahren 1991 bis 2006 versammelt Die älteren wurden von Kerstin liebevoll restauriert in Duktus und Aussage aber belassen wie sie einst erschienen Die Zusammenstellung und Verknüpfung der Texte ergibt um hier mal Blumfeld zu zitieren die in Kerstins Popkosmos einen wichtigen Platz einnehmen eine eigene Geschichte aus reinster Gegenwart Zungenkuss kann als Doku History über 15 Jahre Popmusik und gleichzeitig als Autobiographie gelesen werden Grether bezieht musikalische Phänomene auf das eigene Leben behandelt neben dem eigentlichen Objekt der betreffenden Band Platte Tournee stets Persönliches Es geht immer um mehr als nur Musik private und gesellschaftliche Bezüge bilden den Reflexionsboden für die Produkte die Musik die Mode den Style Sie schreibt in einem Text über Nirvana Aber jetzt hatte ich auch endlich mal ein Wort Grunge Ich war Grunge Und natürlich Riot Girl wie die Grunge Mädchen sich nannten Durch subjektive Feststellungen wie diese bleibt Popmusik kein abstraktes Konstrukt das vom Elfenbeinturm aus verhandelt wird sondern ist essenzieller Bestandteil des Lebens Schon das Buchcover zeigt eine sehr pragmatische Umgangsweise mit dem Produkt Pop laut Kerstins Freundin Jessica eine der 10 häufigsten Handbewegungen der Leute unserer Generation sich in einer CD spiegeln und dabei die Wimpern schminken Wer sich noch nie mit Hilfe einer CD die Wimpern getuscht hat kann das Cover auch so interpretieren Pop ist der Spiegel der dir zeigt wer du bist und wer du sein kannst und hilft dir dabei dich schön zu machen Kerstin schreibt im Vorwort zu Zungenkuss dass es in diesem Buch auch um den ganzen kosmetischen Schwindel geht ihr ist schleierhaft warum manche Leute nicht auf die Verpackung musikalischer Produkte achten oder diese nicht ernst nehmen wollen Wie schon Oscar Wilde wusste sind es nur die oberflächlichen Menschen die nicht auf die Oberfläche achten Und ja Kerstin Grether schreibt selbstverständlich ich sie ist immer subjektiv kein bisschen distanziert und sachlich was gerade Männer von Kritik einfordern und erwarten Und doch ist es genau diese persönliche Herangehensweise an das Phänomen Pop die Kerstins Texte so klug und identitätsstiftend macht Ihr Schreiben über Pop ist Pop selbst populär im eigentlichen Sinne des Wortes für alle verständlich from the people for the people Kerstins Tonfall ist emphatisch und warm sie ist Fan geblieben bis heute wo sie doch längst selbst als Referenzgrösse gilt Ihr Ansatz ist Myriaden entfernt vom besserwisserisch zynischen Angebertum das männliche Kollegen für objektive Kritik halten Sie traut sich ein Herz für Plastikprodukte der Musikindustrie zu zeigen denjenigen einen menschlichen Blick zuzuwerfen die von anderen Kritikern vorhersehbar mit Häme überschüttet werden Besonders deutlich wird dieser unvoreingenommen freundliche Ansatz in Kerstins Text über ihre Begegnung mit Britney Spears am Ende des Interviewtermins stellt sich heraus dass Kerstin dieselbe Jacke trug wie das damals noch unbefleckte Teenie Idol Music makes the people come together auch den amerikanischen Superstar und die deutsche Journalistin Weibliche Popstars stehen durchaus im Zentrum des Grether schen Schreibens sie nähert sich female icons wie Courtney Love Madonna und Queen Latifah oder untersucht anhand ausgeklügelter Kriterien was Teen Idole wie Pink Kylie

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  • satt.org: Musik: Neue (alte) Musikbücher
    von Christoph Gurk Koch International Hannibal Vito Pinto Selbst Inszenierungen als gesellschaftliche Provokation Tabubruch und Transgression bei Marilyn Manson Logos Aehnlich ich fixiert wie bei Lemmy geht es auch in Marilyn Mansons Autobiografie The Long Hard Road Out of Hell zu die in diesem Frühjahr ihre zehnte Auflage erreicht Also bitte zehn Auflagen wer kann so viele heutzutage schon vorweisen Eventuell Hape Kerkeling oder Michael Crichton aber ein Popstar oder gar ein Literat Also erstmal Hut ab The Long Hard Road ist in der ursprünglichen Fassung bereits 1998 erschienen in der Zwischenzeit mehrfach überarbeitet und aktualisiert worden Brian Warner a k a Marilyn Manson realisierte offenbar schnell dass bei einer Figur wie ihm eine Autobiografie gar nicht früh genug erscheinen kann und begann mit The Long Hard Road kurz nachdem das Album Antichrist Superstar erschien 1996 Manson inszeniert sich seit den Anfängen der Band als Schockrocker Bürgerschreck und siehe Plattentitel Antichrist Superstar Sein Styling ist eine bizarre Melange aus Gothic Sado Maso und Horrorelementen auf der Bühne neigt Mr Manson zur Selbstverstümmelung die Narben auf seiner Brust sind Schmuck und Seelenschau zugleich Im Buch erfährt man wer die direkten Vorbilder für Mansons Look und Attitude sind Willy Wonka und Kiss sobald man das verinnerlicht hat ist man schon mal einen Schritt weiter zum Verständnis des MM schen Kosmos Marilyn Brian Mansons Geschichte ist wahrscheinlich deckungsgleich mit der tausender anderer Jugendlicher Eine verkorkste Kindheit in einer amerikanischen Kleinstadt aufgewachsen in Canton Ohio in der streng christlichen Schule zu blindem religiösen und hierarchischen Gehorsam erzogen die Eltern verklemmt und bigott Aber eigentlich beginnt die Road into Hell in Opas Keller mit einem Schulfreund observiert der kleine Brian das heimliche Treiben von Warner Senior in dessen Hobbykeller und entdeckt Dinge die weder er noch der Rest der Familie sehen sollten Opa trägt gern Frauenkleider liebt Pornografie mit Tieren und besitzt eine beachtliche Dildosammlung Diese Beobachtungen in der eigenen Familie lassen im jungen Brian eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem American Dream und all seiner oberflächlichen Verheissungen wachsen Dazu kommt der übliche Hass auf Lehrer Eltern Mitschüler und voilá hier ist der amerikanische Alptraum verkörpert durch Marilyn Manson Um die Musik der Band Marilyn Manson geht es in der Autobiographie nur am Rande die Mitglieder werden zumeist als schwache debile Drogenwracks dargestellt die ohne seine Mansons starke Hand kaum lebensfähig wären Ebenfalls eher am Rande erwähnt wird Mansons starke Verehrung für Trent Reznor Chef von Nine Inch Nails der aber für die Karriere von Marilyn Manson nicht unwichtig war Manson kann gut schreiben ist sehr belesen und philosophisch durchaus bewandert natürlich kommt kein Manson Buch ohne das Thema Satanismus aus Anton LaVey mittlerweile verstorbener Gründer der American Church of Satan wird als Quasi Mentor Mansons beschrieben Die Begegnung mit dem König der Unterwelt beeindruckt Manson nachhaltig seit diesem Tag fühlt er sich befreit von den Fesseln des Christentums und inszeniert sich umso konsequenter als Inkarnation des Antichristen The Long Hard Road out of Hell ist aufwändig ausgestattet hunderte von Illustrationen Fotos Zitaten aus literarischen Werken

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  • satt.org: Comic: Welt im Spiegel - Spiegelwelten
    Lupe und ordnete sie alphabetisch an Aus dem Zusammenhang gerissen entfalten sie auch auf sprachlicher Ebene eine neue Intensität Valentin hat etwas vom großen Till der nahm gleichwohl im übertragenen Sinn gemeint vieles wörtlich Start für manche Alltagskomik Valentin würde sich aber sehr wundern hätte sein Verleger Piper seine Manuskripte verlegt dann hätte er sie nicht verlegen können Sein Ratschlag für eine neue Verkehrsordnung mutet angesichts der autofreien Sonntage in den 1970er Jahren geradezu visionär an die Straßen streng nach Wochentagen für bestimmte Verkehrsteilnehmer zu reservieren Valentin das macht den großen Spass dieser Ausgabe aus legt sein Verfahren unter Aussprache offen Ja red halt oder leg Buchstaben daher na setz i mir s selber zsamm So fährt er von A nach Z Die Zukunft war früher auch besser Die Wortfalle im Zoo kostet Freier Eintritt 50 Pfg schnappt zu und auf Blödheiten aller Art fand er auch in vielen Annoncen benachbart Gustave Flauberts Handreichungen im Wörterbuch der Gemeinplätze Die Quellen für die Auswahlbände des Diogenes Quartetts sprudelten für Daniel Keel und Daniel Kampa reichlich Das ewige Thema Geschlechterverhältnisse wird ja häufig ein wenig verbissen behandelt und Loriot kennt sich darin gut aus Gewohnte Sichtweisen wirbelt er immer wieder durcheinander Die Frau ist nicht immer das schwache Geschlecht Als Entrée zeichnete Loriot eine Walküre die ihren Mann angezogen mit Babyschnuller trägt Dass ein Staubsauger auch ein Instrument sein kann den eigenen Mann beim Kragen zu packen zeigt das darauffolgende Bild In die Gattenwahl hält sie einen kleinen Mann an der kurzen Leine Ganz nett auch die Szene im Zoo das Nashorn ein plumpes Tier wie Loriot zu Denken gibt spuckt die Ehefrau da unbekömmlich wieder aus zu viel für dessen feine Zunge Neben Bildern mit und ohne Text setzten Keel Kampa auch auf kurze Stücke Texte ohne Bilder wie in Eheberatung der sich Frau und Herr Blöhmann unterziehen um sich mit Frau Dr K die Grundformen des Kusses ganz neu zu erarbeiten Gearbeitet wird auch bei Sempé im Garten und wenn es nur ein einzelnes Blatt ist dass aus einem klinisch reinen Swimmingpool gefischt wird Viele der Zeichnungen wortlos bilderreich ein Häusermeer und ein kleines Fleckchen Grün das man in einer anderen Zeichnung die Straßennamen ganz poetisch nach Grün und Buntzeug Linde Flieder Veilchen genannt vergeblich sucht Wo Nostalgie sein soll ist Sempé nicht weit und er kommt geflogen setzt sich nieder aufs weiße Papier öffnet sein Feinstrichköfferchen es befinden sich auch zarte Farben darin Sie fließen über das Papier und ins Grün und da wird gewerkelt geschlummert gelegentlich auch nachgesonnen Der Garten erscheint mal üppig wildwuchernd Anlaß ihn zurechtzustutzen Liegt das nette Grundstück aber inmitten der Natur so ist das heiter vergebliche Müh und auch ein Antiameisenplan hilft da natürlich nicht weiter Ins Archiv der unerledigten Angelegenheiten schickt Sławomir Mrozek in Das Leben für Anfänger einen Kanzleidiener der sich damit es gilt ein Papiergebirge zu erklimmen und zu sortieren in Gefahr begibt und darin Anfängerpech umkommt Mrozek der mit kurzen satirischen Erzählungen debütierte hätte seine Geschichten auch selbst bestricheln können

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  • satt.org: Literatur: Blätterwald 3 – Deutsche Kulturzeitschriften im Überblick
    die sehr schöne leider nicht preiswerte Freibord Ausgabe u a einen Nachruf auf die jüngst verstorbene Autorin Heidi Pataki einen verspielten Gedichtzyklus von Fritz Widhalm Dialektgedichte von Rut Benardi und Michael Kanofkys köstliche Kurzbeschreibungen weggeworfener von ihm gefundener Lebensmittel Nahezu komplette Pizzaecke Tonno Salami Pfefferoni 1 2 schwarze Olive sehr guter Erhaltungszustand nur zweimal angebissen am rechten unteren Rand inklusive tomatenverschmierter Papierserviette Wien XV Sechshauserstraße Höhe Nr 34 Zwischen den Zeilen 25 Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik 128 S 10 Euro www engeler de Daß Theaterstücke in Literaturzeitungen so selten abgedruckt werden wird oft mit ihrem beträchtlichen Umfang erklärt Die Praxis Auszüge von Theaterstücken abzudrucken ist ungebräuchlich obwohl das Verfahren bei Romanen und größeren Prosawerken oft angewendet wird Es scheint daher Vorbehalte gegen diese Textgattung zu geben Für die Gattung Lyrik erfüllen die Literaturzeitschriften allerdings eine lebenswichtige Funktion Angesichts der verschwindend geringen Auflagen der meisten Gedichtbände bilden diese Veröffentlichungsorte eine Art Biotop und Naturschutzgebiet fernab des unwirtlichen literarischen Marktes Die halbjährlich erscheinende Schweizer Zeitschrift für Gedichte und Poetik Zwischen den Zeilen stellt in ihrer 25 Ausgabe sechs junge zwischen 1970 und 1981 geborene deutschsprachige Dichter und Dichterinnen vor Hübsch lakonisch und stark dem Alltag verhaftet sind die titellosen Gedichte aus dem Zyklus Buttons für alle der einzigen Autorin des Heftes Claudia Gabler ich liebe den Abend den Abend sag ich da ist es nicht mehr so heiß Sprache im technischen Zeitalter 179 120 S 11 Euro www spritz de Den Autorenpoetiken widmet sich auch die 179 Ausgabe der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter Sprachrohr des Literarischen Colloquiums Berlin Neben der Vorstellung des Autors Andreas Münzner und einer Lobrede auf die Zeitschrift anläßlich der Verleihung des mit 15 000 Euro dotierten Calwer Hermann Hesse Preises enthält die Ausgabe sechs sehr unterschiedliche poetologische Selbstauskünfte Von Katja Lange Müllers Lektüre Chronik über Ulrich Peltzers handwerklicher FAQ Liste bis hin zu Burkhards Spinnens kritischer Selbstverortung im literarischen Feld Edit 40 Papier für neue Texte 76 72 S 5 Euro www editonline de Eine der mittlerweile etabliertesten deutschen Literaturzeitschriften ist die 1993 gegründete dreimal im Jahr erscheinende Zeitschrift Edit aus Leipzig Die 40 Ausgabe ist ein Heft zum Wenden Die eine Hälfte präsentiert die bewährte Mischung aus jungen dennoch sehr ausgeprägten Autorenstimmen die andere Hälfte ist eine Art Wunschausgabe mit neuen Texten früherer Edit Beiträger Die Höhepunkte des Heftes sind Christoph Peters meisterhafte Provinz Tanzschulen Pubertäts Liebesgeschichte Tanzveranstaltungen junge Liebe ein Hund und das aufregende Übersetzungsexperiment Einander zudrehen Stille Post in der ein Gedicht von Eugen Gomringer vom Deutschen ins Spanische von dort aus ins Türkische von dort aus in Farsi und schließlich ins Lettische übersetzt wurde Da Edit nicht nur die Übersetzungen sondern auch die jeweilige Rückübersetzung abdruckt kann man sehr anschaulich die einzelnen Stufen des Textwandels nachvollziehen Mit dieser Jubiläumsausgabe haben sich die Herausgeber ein tolles Geschenk gemacht Das Heft präsentiert überdies die Cover Inhaltsangaben und ein Mitarbeiterverzeichnis aller früheren Ausgaben angesichts dieser Nummer kann man sich kaum vorstellen wie erst die 50 Edit Ausgabe in knapp drei Jahren aussehen mag

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  • satt.org: Literatur: Über die Reisebeschreibungen von Patrick Leigh Fermor
    Bände in einen Umfang von insgesamt mehr als 750 Seiten erschienen und er ist immer noch nicht da Was ist das für ein Buch fragt man sich Und was ist das für ein Kauz der sich da auf die Reise begibt Und was ist das überhaupt für ein Europa von dem es handelt Im Winter 1933 34 schifft sich Fermor nach Holland ein um dort eine abenteuerliche Wanderung quer durch Europa zu beginnen Sein Ziel ist Konstantinopel und damit verbindet der erschreckend gebildete 19 jährige Schulabbrecher eine eher vage Schwärmerei die sich aus historischen Büchern speist und ihn vorwärts treibt Er reist zu Fuß mit Rucksack und Wanderstock bepackt und findet Quartier in billigen Unterkünften Scheunen oder Schlössern je nachdem wie weit ihn Empfehlungen und neue Bekanntschaften tragen So durchwandert er Holland das seit einigen Monaten von Hitler regierte Deutsche Reich wo er u a Weihnachten in der Kölner Altstadt verbringt einen Laurel und Hardy Film im einem Bonner Kino sieht Österreich die Tschechoslowakei Ungarn und Rumänien eine mitteleuropäische Landschaft die wenige Jahre später durch den Zweiten Weltkrieg ihre heterogene Morphologie einbüßen wird Eigentlich beschreibt er eine in England oder Westeuropa völlig unbekannte Geographie die der Leserschaft nur aufgrund von Redewendungen für eine barbarische Ferne bekannt sind wie Karpaten Transsilvanien oder Walachei Sein Ziel ist es seinen Landsleuten diese als Kulturlandschaft zu vermitteln Das Buch wird er erst Jahrzehnte später schreiben und am dritten Teil arbeitet er sogar noch Das was als Reisebericht geplant war hat sich zu einem auch für Mitteleuropäer nicht minder interessantem Kompendium entwickelt das Aufschluss über eine untergegangene Landschaft geben kann über Städte die im Krieg zerstört über Menschen die umgebracht über Archive die vernichtet über Grenzen die verschoben worden sind über antike Spuren die auf dem Grund von Stauseen zu suchen sind Einerseits fungiert dieses

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  • satt.org: Literatur: Benjamin Kunkel: Unentschlossen
    auf die jüngere Generation der Amerikaner wirkte Weißt du noch wie uns die Erwachsenen gefragt haben was wir später mal werden wollen Hattest du nicht auch immer das Gefühl du sagst nur ihnen zu liebe irgendwas Und dann der Schock als die Mauer fiel und wir auf halbem Weg zur Prep School plötzlich einsehen mussten dass es doch etwas gab worauf man sich vorbereiten musste Aber man hatte keine Pläne für das spätere Leben gar keine Wir konnten uns das Erwachsenwerden nicht vorstellen weil die Zukunft jederzeit ausfallen konnte Dass der Kalte Krieg und die ständige Möglichkeit einer atomaren Apokalypse derart intensiv nicht nur das Lebensgefühl in Leipzig oder Berlin sondern auch von ganzen Generationen in New York geprägt hat ist eine in ihren Konsequenzen bis heute durchaus bemerkens und bedenkenswerte Beobachtung Von etlichen derart treffenden Erkenntnissen ist die New York Ebene des Romans durchsetzt so dass beim zunehmend begeisterten Leser der Verdacht aufkeimen muss es hier mit einem genau gezeichneten neuen Generationenporträt der Nach 9 11 Ära zu tun zu haben Doch dann wird schon die Reflexion des Attentats auf das World Trade Center auf die Gäste und Bewohner der New Yorker WG des Haupthelden seltsam verschenkt außer dass sie das Attentat aus einer studentischen Couchorgie mit Kuschelsex und Ecstasy herausreißt und in den folgenden Tagen viel geweint wurde erfahren wir nichts darüber was sich im New Yorker Lebensgefühl ändert obwohl die Protagonisten des Buches allesamt mittendrin leben Und dann verlässt uns mit den immer spärlicher werdenden Otto Knittel Zitaten allmählich auch die Tiefe der Handlung und statt genauer Beobachtung übernimmt eine überdrehte Reiseschilderung aus dem Dschungel von Ecuador die Oberhand Zunehmend krankt der exzellent angelegte Roman den Maik Söhler im Titelmagazin für seine seichten Stellen nicht ganz zu unrecht als Linkskitsch bezeichnet hat an der altbekannten Krankheit gesellschaftskritischer Denkprodukte seit Marx Exzellent und scharfsinnig in Beschreibung und Analyse ärgerlicher gesellschaftlicher Ist Zustände aber komplett unbrauchbar in der Formulierung ganz zu schweigen von der Ausführung einer ernstzunehmenden Alternative Was der New Yorker Linksintellektuelle Benjamin Kunkel uns in Teil 1 seines Romans über New York vor und nach dem 9 September 2001 die innere Verfassung seines jungen weißen Mittelklasse Haupthelden und dessen Lebens Arbeits und Familienverhältnisse erzählt ist scharf beobachtet und brillant geschrieben große Literatur die in Sound und Inhalt zuweilen durchaus an Salingers Fänger im Roggen oder Douglas Couplands Generation X heranreicht womit manche Rezensenten aus den USA das Buch euphorisch verglichen Die in Teil 2 des Buches geschilderte Bekehrung des New Yorker Slackers Dwight Wilmerding zum demokratischen Sozialismus mittels Kaktussaft aus dem Urwald von Ecuador allerdings ist zumeist schlecht geschriebener Stand up Schwachsinn fürs linksurbane Universitäts Prekariat der in dieser Form wohl nur in den USA für Aufsehen sorgen kann Vielleicht kann ja die Rosa Luxemburg Stiftung Kunkel mal für ein heilsames Talk Show Wochenende mit den alten und neuen Granden unserer zukunftsträchtigen Partei des Demokratischen Sozialismus an die Volksbühne nach Berlin einladen Hier werden sämtliche Standard Topoi der jüngeren amerikanischen Literatur von Suche nach der Wunderdroge bis

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  • satt.org: Literatur: Isabel Bolton: Der Weihnachtsbaum
    einem Telegramm ankündigt Umgehend schreibt Hilly zurück denn sie möchte ein Aufeinandertreffen von Larry und Anne verhindern Sie ahnt es kann zu einer unschönen Auseinandersetzung zwischen beiden kommen keine gute Ausgangslage für ein friedliches Weihnachtsfest nach dem sich Hilly so sehnt In Rückblenden läßt Bolton Mrs Danforth in Kindheitserinnerungen schwelgen Je näher Hilly dabei der Gegenwart kommt desto zentrifugaler gestaltet sich das Familienleben In diesen Passagen entwirft Bolton eine Milieustudie wohlhabender Familien an der Ostküste die vor allem damit beschäftigt waren ihr angenehmes Leben zwischen Salons Pferdekutschen rauschenden Festen und der Beschäftigung mit der Kunst zu genießen Arbeiter Gewerkschaften Elend in Massenquartieren der Einwanderer Mehr als schwarze Farbtupfer auf einem in Pastelltönen gehaltenen Gemälde der Reichen und Schönen geben sie nicht ab Über die gesamte Erzählstrecke verteilt Bolton zwar Erinnerungspartikel im wesentlichen aber dient der zweite Teil dazu das Handeln der übrigen Protagonisten zu schildern die sich auf den Weg nach Manhattan machen Gleich einem Spiel mit ziehenden Figuren wechselt Bolton beständig die Szenerie zu Larry und Gerald und zu Anne und Captain Fletcher Diese Passagen erinnern an Henry James Technik der indirekten Charakterisierung von Personen Man erfährt nicht viel allenfalls aus Mrs Danforth Nachdenken über sie und ihre Ehe in die sie hineinstolpert von Liebe ist kaum die Rede Ohne das Hilly es ahnt nur retrospektiv und von außen läßt sich der Lebenslauf aufschlüsseln der gesellschaftliche Abstieg und damit alle folgenden Probleme haben eine lange Vorgeschichte die in kurze Szenen aufgeteilt erzählt wird Der Vater von Hilly hatte das treuhänderisch übergebene Vermögen der Großmutter ihres Mannes bei Börsenspekulationen auf eigene Rechnung durchgebracht Daraufhin möchte Hillys Mann ihren Vater zur Rede stellen rast aber aus Unachtsamkeit mit dem Auto in den Tod Das Vermögen dezimiert sich beträchtlich aber es reicht immer noch wenn auch auf niedrigem Niveau für ein angenehmes

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  • satt.org: Literatur: Werner Rügemer: Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim
    einigermaßen persönlich gehalten aber in der Summe geht es doch darum die Praktiken einer Bank zu dokumentieren die in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist was ganz im Gegensatz zu ihrer wahren wirtschaftlichen Bedeutung steht Dass bereits auf Basis der Vorankündigung des Buches eine Berliner Anwaltskanzlei eingeschaltet wurde die im Interesse der Hinterbliebenen und der Bank Verantwortlichen die Veröffentlichung verhindern sollte ist schon erstaunlich Ohne Kenntnis des Buchinhalts ja bereits bevor auch nur das Manuskript vorlag stellte die Kanzlei Schertz Bergmann Autor und Verlag Strafanzeigen in Aussicht bombardierte den Frankfurter Nomen Verlag beinah täglich mit neuen Unterlassungsforderungen und Rechnungen Gleichzeitig wendeten sich die Anwälte offensiv an Buchhandlungen und Barsortimente die sie ebenfalls mit Klagen bedrohten falls diese das Buch ausliefern sollten Zwar gelang es diesen entschlossenen Hütern der Persönlichkeitsrechte nicht das Buch insgesamt zu verbieten aber das Landgericht Berlin erließ eine einstweilige Verfügung gegen 21 Passagen woraufhin der Verlag sich entschloss eine Fassung auf den Markt zu bringen in der die inkriminierten Stellen geschwärzt sind Dieses ausgesprochen harsche Eingreifen gegen ein Buch dessen Inhalt noch gar nicht bekannt war macht hellhörig und legt den Verdacht nahe dass es womöglich doch um mehr geht als um die Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen Rügemer ist ja nicht erst seit seinem Buch Colonia Corrupta als Aufdeckungsjournalist bekannt auch dort war bereits ein Kapitel über die Machenschaften der Oppenheim Bank veröffentlicht und so konnte man sich wohl denken wes Geistes der aktuelle Text sei Die gerichtlichen Auseinandersetzungen sind noch nicht abschließend beschieden um so mehr Grund sich einmal damit zu beschäftigen was Rügemer denn tatsächlich geschrieben hat Der Auftaktessay der in erster Linie Stein des Anstoßes gewesen ist prangert zwar in furiosem Ton die Doppelmoral der Herrschenden an bietet aber angesichts Rügemers früherer Veröffentlichungen nur erstaunlich wenig Material Die Mauscheleien um die Bau der Köln Arena werden erwähnt die Rolle der Bank in der Nazizeit wird angerissen man vermisst jedoch die intensive Miteinbeziehung von historischen Dokumenten und Quellenmaterial die Rügemer ansonsten so sehr auszeichnet die seine Arbeit immer wieder gegen die Angriffe der Angegriffenen feit Nun hat er offensichtlich Anderes beabsichtigt denn in einer kurzen editorischen Notiz erklärt er die Nachweise wegen der literarischen Art der Texte weg gelassen zu haben Offenkundig zielte Rügemer auf eine feuilletonistisch kritische Satire in der Tradition Heines oder Börnes Nun stellt sich einerseits die Frage ob dieses Genre sich wirklich für wirtschaftskritischen Aufdeckungsjournalismus eignet der doch davon lebt dass er hieb und stichfeste Beweise liefert dass er teils auch recht nüchterne Fakten anbringt Andererseits muss man einen Text der als literarischer konzipiert ist auch mit literaturkritischen Instrumentarien bearbeiten Dann aber kommt die Satire Rügemers doch ein wenig verbissen rüber nicht immer ohne Ressentiment auch der humoristische Stil ist nicht eben filigran gefügt Es ist eine gängige Technik satirischen Schreibens bestimmte besonders entlarvende Äußerungen wie einen Running Gag immer wieder aufzugreifen Wenn Rügemer dies mit Oppenheims Satz über die Verfahrensweise der Bank diskret geheimer als geheim tut ist das zweimal witzig dann aber verliert sich der Zauber Dass er nämliche Methode noch

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