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  • Das zweite Begräbnis – Jonathan Sperbers Karl Marx Biografie
    an Ludwig Feuerbach Bruno Bauer und Max Stirner befeuerte den polemischen Stil für den Marx und Engels berühmt und berüchtigt wurden Die gehäuften ironischen Anführungszeichen bei Marx und Engels sind Schatten kritisierte Theodor W Adorno in einem Essay 1956 welche das totalitäre Verfahren vorauswirft über ihre Schriften die das Gegenteil meinten der Samen aus dem schließlich wurde was Karl Kraus das Moskauderwelsch nannte In seiner intellektuellen Entwicklung war Marx stellt Sperber in seiner kritischen Erzählung heraus stets nur zu einer versteckten Selbstkritik fähig Obgleich er auch einmal die Ideen der wahren Sozialisten teilte artikulierte er nach der Trennung von ihnen eine schneidende Kritik ohne seine einstige Parteigängerschaft auch nur zu erwähnen denn er sah sich immer schon als Schrittmacher der menschlichen Geschichte Ähnlich war es mit den Ideen des französischen Philosophen Pierre Joseph Proudhon den er eine Weile bewundert hatte aber in seiner Schrift Das Elend der Philosophie vehement kritisierte Sperber bezeichnet diese fortschreitende Kritik mit der Marx alte Überzeugungen über Bord warf und zu neuen Ufern aufbrach als eine externalisierte Form der Selbstkritik die in der intellektuellen Praxis des 20 Jahrhunderts zum gängigen Modell in linken Projekten leninistischer Prägung wurde deren Protagonisten niemals irrten und Fehler einzugestehen hatten sondern stets nur auf der Lokomotive der Geschichte einer gloriosen Zukunft entgegen rauschten Auch in seiner Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte die Sperber als Marx Meisterwerk betrachtet bietet Marx eine kaschierte Selbstkritik seiner Aktivitäten in der 1848er Revolution wobei es ihm aber auch gelingt die Hoffnung jener Zeit in eine entlegene Zukunft zu prolongieren ohne das eigene Scheitern tatsächlich auf die historische Rechnung zu setzen Anschaulich beschreibt Sperber Marx als einen Unvollendeten dessen zahlreiche Projekte wie etwa die Manuskripte zur politischen Ökonomie oft im Stadium des Entwurfes steckenblieben sodass er der Nachwelt am Ende ein fragmentiertes intellektuell zerklüftetes Textlabyrinth hinterließ das gerade in seiner Formlosigkeit den Ehrgeiz zahlloser Epigonen späterer Generationen zur Dechiffrierung und Interpretation herausforderte Zu seinen Lebzeiten konnte er lediglich den ersten Band des Kapital in Druck geben während die Nachfolgebände erst durch die editorische Leistung von Engels und anderen Mitstreitern entstanden Der fragmentarische Charakter des Marx schen Werkes war nicht allein der journalistischen Arbeit zwischen 1852 und 1862 war er beispielsweise Europa Korrespondent für die New York Daily Tribune die ihm ein klägliches Einkommen sicherte oder politischen Aktivitäten in radikalen Emigrantenzirkeln wie bei der Organisation und Auflösung der Internationalen Arbeiter Assoziation geschuldet sondern auch weil Marx langsam arbeitete und seine Texte ständig überarbeitete um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse einzuarbeiten Darüber hinaus war die Arbeit stets auch durch die prekäre Existenz des Emigrantendaseins Depressionen und Krankheiten beeinträchtigt Trotz seines permanenten Eintretens für den Kommunismus blieb er ein bürgerlicher Intellektueller der sich Arbeiterintellektuellen wie Wilhelm Weitling die ihm als geistige Parvenüs erschienen stets überlegen fühlte und deren intellektuellen Beitrag zur proletarischen Kultur abschätzig beurteilte Mit vollem Recht beschrieb Alvin W Gouldner später den Marxismus als Politik einer neuen Klasse wobei die Intellektuellen als Funktionäre einer neuen Herrschaft fungierten Der Marxismus dessen Fundamente Marx legte obgleich er von sich

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  • Landschaften nach der Schlacht: »After the Civil War« von Michael Richards
    Schrecken der kommenden kündigte sich an in der Gleichzeitigkeit des Bürgerkriegs in Spanien und der Prozesse in Moskau Anfangs schien der Spanische Bürgerkrieg die letzte Chance zu sein den Vormarsch den Faschismus in Europa zu stoppen und der Katastrophe Einhalt zu gebieten Viele Schriftsteller und Intellektuelle gingen nach Spanien um entweder vor Ort Widerstand zu leisten oder die öffentliche Meinung für die republikanische Sache zu mobilisieren doch kehrten die meisten desillusioniert zurück Für John Dos Passos fand im spanischen Territorium hinter dem offiziellen Krieg zwischen Demokraten und Faschisten ein zweiter zwischen dem marxistischen Konzept des totalitären Staats und dem anarchistischen der individuellen Freiheit statt In diesem Kampf setzten sich meinte er 1937 in einem Zeitschriftenartikel die Kommunisten als Organisatorin des Sieges an die Spitze während Anarchisten und Sozialisten mit ihren Ideen der individuellen wie der lokalen Freiheit und der Selbstverwaltung Schritt um Schritt von dieser gewaltig effizienten und ruchlosen Machtmaschine zurückweichen Für die meisten Spanienkämpfer war Spanien eine Chiffre des Widerstands die nach dem verlorenen Kampf zur Unkenntlichkeit verblasste und das Land das für Dos Passos eine Zufluchtsstätte der Utopie eines zukünftig Besseren ein Ort der Erinnerung an eine ungebändigte impulsive sich schrankenlos bewegende Freiheit ein Chaosmal inmitten der kapitalistischen Weltordnung war verschwand in den verlorenen Territorien der Niederlage Für die zurückgebliebenen Spanier stellten die traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs noch jahrzehntelang unversöhnliche Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis des Landes dar wie der an der University of the West of England in Bristol lehrende Historiker in seiner glänzend recherchierten Studie After the Civil War ausführt Nach dem franquistischen Sieg über die spanische Republik bemächtigte sich die triumphierende Staatsmacht auch der nationalen Erinnerung Der Bürgerkrieg wurde als Kreuzzug gegen die gottlose Demokratie und die liberale Moderne als Befreiung Spaniens von den marxistischen roten Horden glorifiziert Der Heilige Krieg wurde zum Gründungsmythos des franquistischen Spaniens in dem in einem totalitären Totenkult das Gedenken an Helden und Märtyrer an die für Gott und Vaterland Gefallenen staatlich institutionalisiert und die Erinnerung an das andere Spanien systematisch getilgt wurde Nach 1939 wurden zahlreiche Lehrer wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Schul und Universitätsdienst entfernt und durch regimetreue Kräfte ersetzt und die Geschichte des Bürgerkrieges wurde von den siegreichen Putschisten umgeschrieben Erinnerungen an jene die für die Republik gekämpft hatten wurden mit aller Gewalt unterdrückt und aus den offiziellen Annalen gestrichen Wer das Gedenken an die Loyalisten wach hielt war sozialen Sanktionen ausgeliefert und selbst die Überlebenden der Republik wurden als störendes leibhaftiges Eingedenken an die Vergangenheit aus den pueblos die Dos Passos noch 1922 in seinem Buch Rosinante on the Road Again als unaustilgbare Heimstätten des spanischen Individualismus gefeiert hatte verjagt Die Verlierer wurden nicht allein durch die Enteignung der Erinnerung gedemütigt sondern büßten zudem ihre materielle Existenzgrundlage in den ländlichen Gebieten ein indem sie von den Siegern und ihren opportunistischen Handlangern enteignet und vertrieben wurden Großstädte wie Madrid wuchsen in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg exorbitant an boten den Landflüchtlingen zwar Zuflucht doch zugleich konnten diese Vertriebenen unter prekären Bedingungen nur eine klägliche Existenz führen Der Schriftsteller

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  • »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« von Wolfgang Kraushaar
    Süddeutsche Zeitung Abendzeitung tz Stern und Quick sowie auf den Fundus staatlicher Institutionen während er Primärquellen für seine Beweisführung nicht heranzuziehen vermag So ist etwa die Quelle für Georg von Rauchs mutmaßliche Olympia Attentatspläne ein Bericht der Süddeutschen Zeitung ohne dass Kraushaar diesen Informationshintergrund kritisch hinterfragt Ohnehin geht es ihm in erster Linie darum Geschichte in seiner subjektiven Version als wahre Geschichte darzustellen wobei er zwar zahllose Details wie Benzinmarke Waffenkaliber und Wagenmodell aufzulisten weiß doch da er nichts Beweiskräftiges zu liefern vermag kaschiert er die Dürftigkeit seines aufgeblähten Opus mit erratischem zuweilen kurzatmigem Themen Hopping Gespickt ist seine im Präsens gehaltene Geschichtsrekonstruktion mit raunenden Phrasen wie Es spricht vieles dafür Eine weitere Merkwürdigkeit besteht darin oder Das alles legt den Verdacht nahe oder schließt ihn zumindest nicht aus Über die handwerklichen Mängel hinaus ist das Buch durch eine erzählerische und sprachliche Unzulänglichkeit gekennzeichnet die dem Wesen des allwissenden sensationshaschenden Geschichtsreporters geschuldet ist der jedes Detail kommentieren und ins rechte Licht rücken möchte In manchen Momenten wird Kraushaar gar zum Cineasten So erscheint ihm Steven Spielberg als der wohl erfolgreichste Filmregisseur aller Zeiten ohne zu erläutern wie sich dieser Erfolg bemessen lässt An anderer Stelle gibt er eine Bewertung zu einem amerikanischen Agentenfilm ab Der Hollywood Streifen ist ebenso plakativ wie brutal lässt er den Leser wissen Außerdem hat er Überlänge Das Letztere könnte man auch über sein Buch sagen Auch in Bezug auf Terrorismus und Anarchismus stellt Kraushaar bloße Behauptungen auf die er nicht belegt Während der moderne Terrorismus mit Waffen Sprengstoff und anderer Ausrüstung sic arbeitet und in der Regel ein militärisches Know how voraussetzt kommen bestimmte Spielarten des Anarchismus und der Bewegungsmilitanz ohne all das aus räsoniert er Sie bedienen sich der Brandstiftung Das Feuerlegen in Gebäuden oder das Anzünden von Fahrzeugen stellt insofern eine mögliche keine notwendige Vorform des Terrorismus dar Der raunende Geschichtsreporter rekonstruiert keine Geschichte sondern konstruiert Verdachtsmomente jenseits der geschichtlichen Erfahrung vermengt disparate Elemente ergeht sich in vagen Andeutungen ohne je Konkretes liefern zu können Was bestimmte Spielarten des Anarchismus sein sollen führt er an keiner Stelle aus ebenso wenig klärt er den Begriff der Bewegungsmilitanz Kraushaar täuscht Sachkenntnis und Tiefgang vor um munkelnd Gerüchte in seinem Sinne zu verbreiten Neben der Abscheu gegenüber den diabolischen Terroristen der deutschen Tupamaros gilt sein Furor auch der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung jener Zeit die seiner Ansicht nach zu kraftlos und willensschwach mit den Mitgliedern der palästinensischen Terrorkommandos umging und eine Appeasementpolitik verfocht Diese Kritik der deutschen Sozialdemokratie vor allem Hans Jürgen Wischnewski der einstige Trotzkist gilt Kraushaar als böser Bube gehörte seit je zum Steckenpferd des Historikers Nach dem Deutschen Herbst 1977 attestierte der damalige Sponti Linke der SPD geführten Bundesregierung Unmenschlichkeit und sprach von einem polizeistaatlichen Sieg über die RAF Heute echauffiert er sich in der Pose des moralisch Entrüsteten und hat immer noch die sozialdemokratischen Missetäter und ihre Unmenschlichkeit im Visier Der Kampf geht weiter Für den Rowohlt Verlag der einst vor Jahrzehnten in seiner von Ernesto Grassi herausgegebenen Klassikerbibliothek Quellentexte der gegen das

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  • »Eltern sein. Kurz & geek« von Nicole & Maximillian Dornseif
    beschriebene Vor dieser ernüchternden Erfahrung wird man sicherlich auch nach der Lektüre von Eltern sein nicht gewappnet sein wenn man dann sein erstes Kind hat aber diese Hoffnung wecken Dornseifs auch nicht wobei der Großteils des Buchs von Nicole Dornseif stammt Worum geht s hier also Die Einteilung ist eigentlich recht klassisch Du und Dein Kind des Kindes Körper des Kindes Aktivitäten Nicht ganz so üblich und darum am spannendsten sind hingegen Dein Kind und die Technik sowie Dein Kind Du und viel Spaß Die klassischen Kapitel sind im Grunde genommen recht abzusehen geschrieben Die Funktionen des kindlichen Körpers sind ja schließlich nicht auf einmal andere nur weil die Eltern Programmierer sind Aber vielleicht bekommt man ein Bild von der ganzen Sache wenn man sich vorstellt dass Leonard Hofstadter und Amy Farah Fowler es geschrieben haben könnte was natürlich von der Beziehungskonstellation her nicht passt aber Herr Dornseif erscheint mir einfach nicht wie ein Sheldon Cooper und Frau Dornseif auch nicht Penny Was beide vielleicht Schade finden Wenn man diese Namen nicht kennt sollte man das Buch besser eh nicht lesen Es würde einem vermutlich keinen Spaß machen Aber das macht es und das macht es so überzeugend Dornseifs haben die Höhen und Tiefen des Er Lebens mit Kindern durchgemacht und schaffen es auf überzeugende Weise darüber zu berichten Dabei wird man vermutlich nicht immer einer Meinung mit den Autoren sein Ich finde einen Kinderwagen etwa viel sinnvoller als einen Bollerwagen ein Tragetuch finde ich aber auch großartig Ich würde auch nicht sagen dass grundsätzlich alle Kindergärten und Schulen in Deutschland missraten sind Zumindest gibt es Ausnahmen Das man aber Homeschooling vorzieht und deswegen ins Nachbarland zieht ist wiederum von bestechender Konsequenz Auf diese Art funktioniert dann auch das ganze Buch So haben wir das aus diesen und jenen Erfahrungen

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  • Das verriegelte Paradies: »Zeit des Zorns« von Jutta Ditfurth
    nach außen Die eigene Relevanz überschätzen sie narzißtisch ohne zureichenden Sinn für Proportionen Damit ist auch der Charakter Jutta Ditfurths beschrieben Die besten Momente des Buches bestehen in der zurückgenommenen faktischen Beschreibung der Auswirkungen kapitalistischer Herrschaftsinteressen auf die Natur wie etwa bei der Zerstörung des Aral Sees oder der eindringlichen Darstellung von Widerstand und Repression bei WTO Konferenzen oder G 8 Gipfeln in Seattle Göteborg und Genua in den Jahren zwischen 1999 und 2001 Zumeist aber dominiert der dröhnende Ditfurth Sound der sich wuchtig durch die düsteren Schluchten der gegenwärtigen Politik Landschaften frisst und nahezu jeden differenzierenden Zwischenraum in der mechanischen Reproduktion des Immergleichen auslöscht Stets aufs Neue inszeniert sich die gescheiterte Machtpolitikerin Ditfurth die sich nach der Niederlage ihre eigene kleine Racket Welt mit Partei Gefolgschaft und zeitweiligem Zentralorgan das freilich die Zeit nicht überdauerte schuf als Heilige Jutta in den Höhlen der Löwen die mal Gestalt des Chefökonomen der Deutschen Bank mal des führenden konservativen Häuptlings der politischen Korruption in der alten Bundesrepublik mal der vielköpfigen Hydra der Reformsozialisten annehmen Wie eine glorreiche Spartakistin behauptet sie sich gegen kleinmütige erbärmliche Kreaturen die arachnoid und fluchtartig die politische Arena verlassen während die Heilige Jutta retrospektiv in extenso in eigenen Texten des Heroismus schwelgt Ich bin immer wieder fasziniert gibt sie freimütig zu Protokoll wie Menschen die jahrzehntelang in Machtpositionen von Staat und Kapital agieren vollkommen unvorbereitet darauf sind es in einem Raum mit linksoppositionellen Kritikern aushalten und auch noch deren Meinung anhören zu müssen Die selbstentlarvende Ironie entgeht der Heiligen Jutta in ihrer wohlfeilen Selbstgerechtigkeit freilich Meinungen die ihr selbst nicht willfahren deklariert sie als Gerede oder Geschwätz Auch Konkurrenten aus dem linken Spektrum können vor ihrem kritischen Auge nicht bestehen Sahra Wagenknecht Oskar Lafontaine Gregor Gysi Hans Christian Ströbele und Jürgen Trittin von Daniel Cohn Bendit und Joschka Fischer ganz zu schweigen betreiben das Geschäft des Reformismus und sind im Gegensatz zur Heiligen Jutta politisch intellektuell und moralisch verkommen Gleichfalls ist die Piratenpartei ausschließlich der Systemadministrator der herrschenden Verhältnisse und die Occupy Bewegung ist unfähig den wahren Charakter des Kapitalismus zu begreifen Dagegen verklärt sie die Anti AKW Bewegung der 1970er Jahre der sie ihren celebrity status verdankt Im tristen Schwarz Weiß Raster erscheint diese außerparlamentarische Fraktion als heroisches Kollektiv das letztlich ein Opfer der staatlichen Repression wurde Die alte einflussreiche Anti AKW Bewegung die sich zu einer staatskritischen Bewegung entwickelt hatte resümiert Ditfurth war im Deutschen Herbst von 1977 vom Staat niedergeschlagen worden Die strukturellen und politischen Schwächen dieser außerparlamentarischen Bewegung thematisiert sie jedoch ebenso wenig wie die eigene Verantwortung für die Entwicklung der Linken seit den späten 1970er Jahren in denen das Monster der Grünen gezeugt wurde Die Hölle sind stets die anderen Ohnehin scheint Ditfurth intellektuell in den 1970er Jahren stecken geblieben zu sein Ihre Weisheiten entstammen einem offenbar nie endenden Lektürekurs jener bleiernen Zeit Marx Engels und Lenin werden ausgiebig zitiert angereichert mit einigen literarischen und theoretischen Bonmots Bertolt Brechts Ernest Mandels und Dietmar Daths der als Jungspund die autoritäre Linie eines eingefrorenen Marxismus

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/13_05_zorn.html (2016-02-14)
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  • Der synthetische Denker: »Taking It Big« von Stanley Aronowitz
    ist ein Beispiel für die Akademisierung der Intellektuellen in der Nachkriegszeit 1933 geboren war er zunächst als Organisator in der Gewerkschaftsbewegung aktiv ehe er später als Soziologe an der City University of New York lehrte CUNY und 2002 als Kandidat der Greens für das Amt des Gouverneurs von New York kandidierte Im Gegensatz zu vielen linken Akademikern die erfolgreich den Marsch durch die Institutionen absolvierten schimmert bei Aronowitz trotz aller institutionellen Verstrickungen weiterhin das unverbrüchliche intellektuelle Talent durch Aber dennoch steht er wie Russell Jacoby in seinem zornigen Abgesang auf die öffentlichen Intellektuellen in der Tradition C Wright Mills The Last Intellectuals 1989 schrieb am Ende der Tradition urbaner nichtakademischer Intellektueller Für Aronowitz lebt Mills als Prototyp des radikalen Intellektuellen fort Gerade in Zeiten des Konformismus in den 1950er Jahren als viele Intellektuelle den Radikalismus ihrer Jugendzeit über Bord warfen und sich den neuen herrschaftlichen Erfordernissen anpassten hielt er die Flamme des oppositionellen Geistes am Brennen und gab sie an eine neue Generation weitergab Legendär war sein Aufruf Wir fangen an uns neu zu bewegen den er zwei Jahre vor seinem Tod in der New Left Review veröffentlichte und der von seinem Schüler Tom Hayden bei der Formulierung des Gründungsmanifestes der Students for a Democratic Society SDS dem Port Huron Statement aus dem Jahre 1962 weitergetragen wurde Für Aronowitz ist Mills ein synthetischer Denker der scheinbar disparate Ideen und Traditionen europäischer und amerikanischer Provenienz von Karl Marx Max Weber und Karl Mannheim über Thorstein Veblen und John Dewey bis zu Georg Lukács Max Horkheimer und Theodor W Adorno zu einem eigenen stimmigen Konstrukt verband Vor allem Mills Analyse der amerikanischen Machtverhältnisse in The Power Elite 1956 dt Die amerikanische Elite hat wie Aronowitz angesichts der aktuellen politischen Strukturen in den USA jenseits der irrationalen Obama Idolatrie unterstreicht eine ungebrochene Aktualität Symptomatisch für die Stimmigkeit der Kritik ist der Verriss des Buches im Wall Street Journal der dem Occupy Wall Street Aktivisten Aronowitz die Fähigkeit abspricht die Realität konstruktiv zu begreifen Die Schwäche des Buches besteht jedoch nicht im Aufzeigen der konkreten Machtverhältnisse in den USA die Organe wie das Wall Street Journal offenbar gern verschleiern möchten sondern in den Digressionen der Erzählung in denen Mills als Protagonist aus dem Fokus des Geschehens verschwindet während Aronowitz mit seinem Weitwinkelobjektiv über die akademischen Landschaften der amerikanischen Gesellschaft schweift und seine Hauptfigur zum schwarzen Partikel im Territorium schrumpft Letztlich verortet Aronowitz den politischen Intellektuellen ausschließlich im Umfeld des universitär industriellen Komplexes der den kulturellen Apparat den Mills kritisch betrachtet hatte mit einer dicken schwarzen Schicht überzog Der politische Intellektuelle ist ein Denker der im Schreiben Sprechen und Lehren unautorisierter Ideen fortbesteht postuliert Aronowitz Die Problematik dieser Konzeption besteht freilich darin dass er die intellektuelle Existenz ausschließlich in den Grenzen der bestehenden akademischen Institutionen sieht ohne ein transzendentales oder utopisches Projekt im Sinne Mills in Betracht zu ziehen das dem radikalen Intellektuellen ein von Kapital und Racket Interessen freies Terrain zusicherte Gewiss ist sich Aronowitz der Gefahr der Korrumpierung durch die institutionelle Praxis bewusst

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/13_04_aronowitz.html (2016-02-14)
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  • Operation »Rewrite«: Radikale Milieus. Das soziale Umfeld terroristischer Gruppen
    aus der Perspektive von Staatsschutz Akademikern Der Terrorismus ist zu einem Konstrukt der Totalität deviationistischer Milieus geronnen in dem jeder Angreifer der Repräsentanten Institutionen oder Symbole eines Staates attackiert ungeachtet diametraler politischer Unterschiede als Staatsfeind als Inkarnation des Bösen klassifiziert und rubriziert wird während der von militärischen Gruppen oder staatlichen Kräften organisierte Terror keine Erwähnung findet Das Bindeglied der Texte dieses Bandes ist das Konzept des radikalen Milieus das Waldmann und Malthaner in ihrer programmatischen Einführung beschreiben Der Begriff des Milieus geht auf soziologische Theorien Hippolyte Taines und Émile Durkheims zurück die im 19 Jahrhundert begründet wurden und beschreibt in diesem Kontext die soziale Unterstützerbasis die in den Texten auch unter den Termini Umfeld Netzwerk oder Bezugsgruppen durch die Diskussion schwirren Als radikal definieren Waldmann und Malthaner Einstellungs Orientierungs und Handlungsmuster die einen Konflikt gewissermaßen verabsolutieren und zum einen ein hohes Maß an Aufopferungs und Kampfbereitschaft für die verfochtene Sache implizieren zum anderen mit der Bereitschaft und unterstellten Notwendigkeit verbunden sind für das angestrebte Ziel Gewalt anzuwenden In diesem hölzernen sprachlich unbeholfen wirkenden Jargon wird ein allgemeines Konzept für die Analyse terroristischer Gewalt deklariert das vorgeblich wie diverse Autoren des Bandes unterstreichen ein missing link in der Forschung darstelle In der bisherigen Historiografie sei der Terrorist so lautet die Sprachregelung in diesem Band als Einzeltäter beschrieben worden ohne das ihn umgebende soziale Umfeld in Betracht zu ziehen Tatsächlich aber haben beispielsweise Historiker wie Paul Avrich oder Nunzio Pernicone welche die politischen sozialen und kulturellen Komponenten der anarchistischen Bewegungen in den USA und in Europa in ihre Erzählungen der Geschichte einbezogen stets auf die Affinität einiger anarchistischer Protagonisten zur Gewalt hingewiesen die zum großen Teil auf die erfahrene Gewalt in den bestehenden Strukturen als auch auf den moralischen Rigorismus der Akteure zurückzuführen ist Das Leben des russisch amerikanischen Anarchisten Alexander Berkman

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/13_03_radikal.html (2016-02-14)
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  • Aporien der Netzkritik – »Das halbwegs Soziale« von Geert Lovink
    der Medien 1970 nachhaltig prägte Danach konnte sich kaum eine Diskussion über den vorgeblich potenziell utopischen und emanzipatorischen Charakter der Medienkultur hinweg setzen und allenthalben sahen sich Medienkollektive wie die Newsreel Gruppen in den USA oder Agenturen einer zersplitterten Gegenöffentlichkeit in Westdeutschland als Erfüllungsgehilfen der Massen die im Enzensberger Sound als Autoren der Geschichte zu agieren begannen Zwar scheiterten alle Versuche der Gegenöffentlichkeit ob in Form von Tageszeitungen Stadtjournalen oder Rundfunkexperimenten wie Radio 100 in Westberlin in den späten 1980er Jahren doch hält sich trotz alledem der utopische Gedanke einer libertären Gegenöffentlichkeit hartnäckig im morschen Gebälk der Geschichte In den Augen vieler Netzaktivisten hat das Internet die in der Brechtianischen Radiotheorie formulierten Utopie eines universalen Kommunikationsapparats trotz der kommerziellen Kraken wie Apple Facebook oder Google realisiert da der einseitige Kommunikationsfluss der frühere Medien bestimmt habe aufgehoben und das Netz zu einem internationalen kommunikativen Geflecht interaktiver Beziehungen geworden sei Weitaus weniger euphorisch fällt das Resümee des niederländischen Medientheoretikers Geert Lovink in seinem Buch Networks Without a Social Cause das jetzt unter dem Titel Das halbwegs Soziale auf Deutsch erschienen ist und an sein Vorgängerbuch Zero Comments aus dem Jahre 2008 anknüpft In einer Mischung aus Essay Reportage und theoretischer Reflexion spannt Lovink den Bogen von den Radioexperimenten der 1980er Jahren zur Praxis der sozialen Medien der Gegenwart wobei er nicht allein einen fundierten Überblick zur gängigen Fachliteratur bietet sondern auch informelle Diskussionen einbezieht die er aus E Mails von Fachkollegen aus Europa und den USA befüttert Ein Strang der Kritik ist die psychopathologische Informationsüberflutung wobei Lovink nicht unbedingt mit originellen Antworten aufzuwarten weiß Ähnlich wie die australische Medientheoretikerin Tara Brabazon die in einem Beitrag für die jüngste Ausgabe der wissenschaftlichen Online Zeitschrift Fast Capitalism als Gegenstrategie zur Informationsobesität einer Form der digitalen Fettleibigkeit eine selbstbestimmte Entgiftung oder Diät empfiehlt verweist Lovink auf die Praxis der Slow Communication um der schnellen Konsumierbarkeit der Ware Information einen bewussten Umgang mit Daten und Wissen entgegenzusetzen Eine klare politische Strategie kann Lovink jedoch über die individuelle Positionierung des Einzelnen der sich im globalen Geflecht des digitalen Kapitalismus mit dem altmodischen Problem der Selbstauflösung herumzuschlagen hat nicht vorweisen Auf dem Mittelweg zwischen reaktionärer Kulturkritik die das Ende der Menschheit angesichts des Niedergangs des herrschaftlichen Kanons vor Augen hat und einem technolibertären Utopismus der jede kritische Fähigkeit an die technischen Möglichkeiten eines frei wuchernden Kapitalismus verhökert versucht Lovink das grundsätzliche Prinzip dezentralisierter verteilter Netzwerke zu verteidigen wobei seine Agenturen des gesellschaftlichen Wandels in Form von Orgnets organisierten Netzwerken als Gegenkraft zu den zentralisierten Diensten von Facebook Google Twitter und anderen Service Providern des digitalen Kapitalismus im Vagen verharren ohne realiter eine politische Alternative zu den oder gegen die herrschenden Produktions und Verkehrsformen in den intermedialen Prozessen zu entwickeln Im Zeitalter der ubiquitären und mobilen Kommunikation ist das Internet mit seiner Funktion eines Kommunikationsapparats weniger die Realisierung einer funktionierenden Gegenöffentlichkeit denn die hohnlachende Erfüllung des Talking Assholes aus William S Burroughs Roman Naked Lunch Der Intellekt verendet in einer analen Regression und die Augen reflektieren die hilflose stumme

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