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  • Maike Albath: Der Geist von Turin
    Italien das im TV Lärm des Berlusconi Zeitalters unterzugehen droht Ganz ist der Geist noch nicht verflogen Als Einstiegspunkt in die Geschichte wählt sie den Selbstmord Paveses im Sommer 1950 als der maßgebliche Programmleiter des Einaudi Verlags der die italienische Literatur für ausländische insbesondere amerikanische Einflüsse geöffnet hatte auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Karriere mit dem Satz Ich fühle mich so wohl wie ein Fisch im Eis aus dem Leben schied Anschließend blickt Albath zurück auf den Aufstieg des polternden ehemaligen Sozialisten Mussolini zum Führer des faschistischen Italiens der von Repräsentanten der Wirtschaftselite wie dem Turiner Industriellen Giovanni Agnelli unterstützt wurde In gelungenen Montagen in denen Albath private Perspektiven ihrer Protagonisten mit Sichten auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen verschränkt entwickelt sie ein komplexes Bild der Geschichte in dem die Verstricktheiten und Anstrengungen der Befreiung adäquat zum Ausdruck kommen ohne dass ein grobkörniger Schwarzweißzeichner eingesetzt wird Kontrapunktiert wird die Erzählung der weit zurückreichenden Geschichte mit Interviews von Zeitzeugen die dem erzählten Geschehen eine zuweilen widersprüchliche Wendung geben Der Verlag und seine Mitarbeiter versuchten im Faschismus ohne offene Opposition zu überleben Scheinbar unterwarf man sich der autoritären Führerschaft des Regimes Um die berufliche Karriere nicht zu gefährden traten Intellektuelle wie Cesare Pavese und Noberto Bobbio der faschistischen Partei bei und übten sich in einer maskenhaften Akzeptanz des Regimes Trotz allem fielen viele Intellektuelle wie Pavese Carlo Levi und der Einaudi Lektor Leone Ginzburg wegen ihres antinationalistischen Engagements in Ungnade und wurden in unwirtliche Landstriche in Kalabrien verbannt wie es Carlo Levi später in seinem berühmten Klassiker Christus kam nur bis Eboli beschrieb auch wenn sie nach dem erfolgreichen Abessinien Feldzug 1936 vom Duce begnadigt wurden 1938 wurden die antisemitischen Gesetze zum Schutz der Rasse verabschiedet die Juden zu Ausländern jüdischer Rasse deklarierten Als Folge daraus fanden sich 1940 Leone Ginzburg und

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_05_turin.html (2016-02-14)
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  • Claudia Sewig: Bernhard Grzimek – Der Mann, der die Tiere liebte
    rasch abgehandelt wird um sich sodann in glamourösen Anekdoten zu verstricken nehmen Grzimeks Kindheit und Jugend in diesem Buch eine verhältnismäßig große Seitenzahl ein Zurecht denn wenn auch damals noch nicht abzusehen war dass die Deutsche Post ihm einst eine Sonderbriefmarke widmen würde so liest sich Grzimeks Lebensgeschichte doch bereits von Anfang an spannend und alles andere als gewöhnlich Im oberschlesischen Neisse geboren wird er bereits mit drei Jahren zur Halbwaise als sein Vater an einem Herzleiden stirbt Von seinen Geschwistern aufgrund seines verhältnismäßig großen Kopfes mit Namen wie Kürbis bedacht reift in ihm früh die Begeisterung für Tiere und die Zwerghuhn Zucht im Besonderen was dazu führt dass er noch als Schüler sein erstes kleines Buch verfasst den Taschen Zwerghuhn Atlas Ein heftiger Flirt mit der katholischen Jugendbewegung und ein gesteigertes Interesse an Sprache stehen dem immer stärker werdenden Interesse an der holden Weiblichkeit gegenüber das auch später anhält sodass seine außereheliche Begeisterung für hübsche Frauen nicht nur zu einer unehelichen Tochter führt sondern auch das eine oder andere Mal die Feststellung provoziert haben dürfte er kenne sich nicht nur mit Landlebewesen sondern auch bestens mit Vögeln aus Unverhohlen wird er zeitlebens die sexuelle Anziehungskraft der Frauen preisen was in seiner späteren Autobiografie Auf den Mensch gekommen so zu lesen ist Ich habe mich immer für die Säugetierart Mensch begeistern können natürlich besonders für den weiblichen Teil davon Grzimek studiert Veterinärmedizin in Leipzig bis er nach nur einem Semester das Angebot annimmt ein Bauerngut zu bewirtschaften und an die Tierärztliche Hochschule Berlin wechselt Noch als Student mit 21 heiratet er eine junge Frau aus seiner Schulzeit Hildegard Prüfer mit der er 47 Jahre lang verheiratet bleiben wird Bereits im folgenden Jahr kommt der erste gemeinsame Sohn Rochus zur Welt Dem Staatsexamen folgt die Beschäftigung als Sachverständiger beim Preußischen Landwirtschaftsministerium parallel dazu eröffnet Grzimek eine Tierarztpraxis Als Verantwortlicher für Eierstandardisierung verfasst er weitere Publikationen zur Hühneraufzucht Dem freudigen Ereignis der Geburt des zweiten Sohnes Michael 1934 folgt nur zwei Jahre später der Schock Grzimeks Mutter stirbt plötzlich an einer Hirnblutung sodass er mit 27 Vollwaise wird Immer die Karriere vor Augen tritt er 1937 in die NSDAP ein um Mitglied in der Reichsschriftentumskammer werden und als Autor veröffentlichen zu können eine Mitgliedschaft die er verheimlichte und später sogar unter Meineid abstritt Direkt mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Bernhard Grzimek dessen Haus zu dieser Zeit bereits von zahlreichen Tieren bevölkert ist zur Wehrmacht eingezogen Während eines Fronturlaubs lernt er Leni Riefenstahl kennen die seinen Wolf Dschingis für Dreharbeiten benötigt Grzimeks erster Kontakt mit dem Medium Film Kurz vor Beginn des Unternehmens Barbarossa zieht die Familie von Berlin ins Allgäu Als der Krieg schon verloren ist bekommt Grzimek den Marschbefehl Richtung Osten Er desertiert und versteckt sich bei seiner Geliebten in Berlin ein Glücksfall dass ihm später die Flucht aus Berlin gelingt und der Krieg mit dem Vergraben von Uniform und Waffe für ihn beendet ist Kurz darauf kommt er nach Frankfurt Main in die Stadt in der er einen Großteil

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  • Howard Zinn: Schweigen heißt lügen. Autobiographie.
    Train A Personal History of Our Times treffender ist da es sich weniger um eine Autobigraphie wie der deutsche Verlag das Buch deklariert handelt als um eine persönlich reflektierte Zeitgenossenschaft Im ersten Abschnitt rekapituliert Zinn seinen Weg von New York wo er an der Columbia University promovierte nach Atlanta Georgia wo er am Stelman College das ausschließlich von schwarzen Frauen besucht wurde unterrichtete ehe ihm aufgrund seines politischen Engagements und seiner Insubordination gekündigt wurde Im Zentrum des zweiten Teils steht die Entwicklung Zinns vom eifrigen Bombenschützen während des Zweiten Weltkrieges zum radikalen Kriegsgegner in den sechziger Jahren Bereits 1965 opponierte er gegen den Krieg in Vietnam unterstützte militante Kriegsgegner wie Daniel Berrigan und ließ sich in einem symbolischen Thoreau artigen Akt des Widerstands für einen Tag ins Gefängnis sperren Aus diesem Kontext rührt der Titel des Buches Zuzeiten heißt Schweigen Lügen ist ein Zitat des Philosophen Miguel de Unamano aus dem Spanischen Bürgerkrieg Für Zinn leitet sich die Empathie mit den Unterdrückten und Schwachen und der Notwendigkeit die Stimme gegen Unrecht zu erheben aus seiner persönlichen Erfahrung ab die er im dritten Teil schildert Als Kind jüdischer Immigranten aus Österreich und Russland wuchs er in einfachen Verhältnissen auf und hielt sich während seines Studiums in New York mit odd jobs über Wasser Auch als er später ein arrivierter Professor an der Boston University war hielt er an seinem Klassenbewusstsein fest und opponierte gegen die neokonservative Politik der Universitätsadministration Ich bin ein Träumer resümiert er im Nachwort zur deutschen Ausgabe Ich will alles Eine friedliche Welt Eine egalitäre Welt Keinen Krieg Keinen Kapitalismus Ich will eine anständige Gesellschaft Er habe kein Recht zu verzweifeln insistiert er Ich bestehe auf Hoffnung In Zeiten der neuen Unübersichtlichkeit der Postmoderne erscheint vielen Kritikern diese Sicht als zu simpel Mit dem Erfolg seiner kritischen Geschichte

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_04_zinn.html (2016-02-14)
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  • Christine Stansell: American Moderns. Bohemian New York and the Creation of a New Century
    Metropole die Moderne Einzug gehalten wie die feministische Historikerin Christine Stansell in ihrem Buch American Moderns eindrucksvoll beschreibt Zu Beginn des 20 Jahrhunderts hatte sich in New York eine Subkultur von Bohemiens herausgebildet die Politik Kunst und Literatur in vielschichtiger Weise verknüpfte Mit den Immigranten wanderten anarchistische und sozialistische Ideen der sozialen Umwälzung in den urbanen Raum ein und zugleich fanden avantgardistische Strömungen wie Kubismus und Dadaismus ihre Fortsetzung in der künstlerischen Applikation auf dem neuen Kontinent Die Armory Show im Frühjahr 1913 in der eine repräsentative Auswahl moderner Kunstwerke in New York ausgestellt wurde gilt als Beginn der Moderne in den USA Die Stadt wurde schreibt Stansell zum Schaukasten des modernen Zeitalters eine Ansicht die auch die Erinnerung eines prominenten Besuchers im Januar 1917 unterstreicht Ich bin in New York schrieb Leo Trotzki in seiner Autobiographie in der märchenhaft prosaischen Stadt des kapitalistischen Automatismus wo in den Straßen die ästhetische Theorie des Kubismus und in den Herzen die sittliche Philosophie des Dollars herrscht Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden New Yorker Kulturindustrie mit ihren Zeitungen Magazinen und Buchverlagen beschreibt Stansell die Herausbildung einer Boheme die sich als eine New Yorker Elite von Außenseitern begriff und trotz aller politischen und ästhetischen Differenzen eine gemeinsame Grundlage in der Opposition zur amerikanischen Mainstream Gesellschaft der Zeit hatte Die Kunstmäzenin Mabel Dodge Luhan sah in Kultur zuvörderst Kommunikation und bot in ihrem Salon in Greenwich Village ein Forum für Diskussionen in dem Ästheten und Künstler auf anarchistische und sozialistische Revolutionäre trafen Margaret Anderson förderte in ihrer Zeitschrift The Little Review die junge Avantgarde während Max Eastman mit seiner sozialistischen Zeitschrift The Masses die bürgerliche Gesellschaft mit Hohn und Spott attackierte Der Journalist John Reed trug mit seinen Reportagen über die mexikanische Revolution den revolutionären Funken in die globale Metropole während Randolph Bourne in Vorwegnahme späterer Ausprägungen der Jugendkultur die Jugend als Agent historischer Veränderungen glorifizierte Die New Yorker Boheme suchte sich ihre Freiräume in einer vom Hochkapitalismus und von der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft gezeichneten Großstadt ohne dass eine Emanzipation den urbanen Raum von den übermächtigen Zwängen hätte befreien können Der Typus der neuen Frau bemächtigte sich zwar einiger Orte in der urbanen Geographie vermochte aber nie die patriarchale Ordnung der Metropole infrage zu stellen Die Stärke von Stansells Buch liegt in der souveränen Verwebung individueller Geschichten mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen wobei sie zugleich die Möglichkeiten und Beschränkungen des sozialen Gegenentwurfes offenlegt Vor allem an der Geschichte der Anarchistin und Feministin Emma Goldman stellt Stansell die Grenzen der Emanzipation unter den gegebenen Herrschaftsverhältnissen dar Einerseits befreite sich die rote Emma aus den Fesseln eines engstirnigen Anarchismus wie er in Immigrantenkreisen aus Deutschland und Russland propagiert wurde und entwarf sich als Autorin und Rednerin die Einfluss über die Zirkel der radikalen Aktivisten hinaus ausübte und heranwachsende Talente wie Henry Miller prägte Andererseits hatte sie starke Vorbehalte gegenüber der sich herausbildenden populären Kultur und begriff sich als Teil einer demokratisierten kulturellen Elite die einem traditionellen Kulturverständnis verhaftet blieb Mit einem Bein stand sie im

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_03_moderne.html (2016-02-14)
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  • Hans Kundnani: Utopia or Auschwitz. Germany's 1968 Generation and the Holocaust
    In den Augen Kundnanis war Dutschke nicht allein für ein unkritisches Recycling nationalsozialistischer Termini wie Kampf und Aktion verantwortlich sondern imaginierte als Mitglied der situationistischen Gruppe Subversive Aktion auch eine Machtergreifung in Berlin Er sah Deutschland nicht in erster Linie als Land der Täter sondern als koloniales Opfer des US Imperialismus und strebte eine Wiedervereinigung beider deutschen Staaten unter sozialistischem Vorzeichen an Während Dutschke die jüngere deutsche Geschichte als Alp der Vergangenheit ausblendete fielen andere Vertreter der Neuen Linken zurück in die Wahnwelt antisemitischer Projektionen Hatte die Studentenbewegung anfangs ein solidarisches Verhältnis zu Israel so stellte sich die Neue Linke nach 1967 vorbehaltlos auf die Seite der palästinensischen Sache und karikierte Israel als faschistischen Staat der die Nachfolge des Nazismus angetreten hatte Für Kundnani ist der Polit Aktivist Dieter Kunzelmann in diesem Prozess eine zentrale Figur Im situationistischen Spektakel der Provokation das die Kommune I in der Frontstadt Berlin zelebrierte inszenierte er seinen Antisemitismus als gesellschaftlichen Tabubruch wobei die Juden als Feinde erschienen So war der Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Westberlin 1968 argumentiert Kundnani eine logische Konsequenz der israelfeindlichen Politik der Neuen Linken die ihre Fortsetzung in den Aktionen der späteren terroristischen Gruppen der RAF und der Revolutionären Zellen fand Unter dem Deckmantel von Antiimperialismus und Antifaschismus wurde das neuerliche Töten von Juden gerechtfertigt resümiert Kundnani die brutalen Entwicklungen in den bleiernen Jahren nach 1968 Die unbewältigte Vergangenheit des Nationalsozialismus den Kundnani als deutsches Erbe von Utopie und Irrationalismus begreift sieht er auch in der Friedens und Ökologiebewegung der 1980er Jahre fortwirken Die De Realisierung des Dritten Reiches zur abstrakten stets präsenten Gefahr einer sich zu wiederholen scheinenden Geschichte mit der die Neue Linke ihre spektakuläre Politik nach 1967 im Kampf gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg betrieben hatte setzte sich in einer Kontinuitätsthese von Auschwitz Dresden Hiroschima als ubiquitäre Bedrohung fort Umwabert von apokalyptischen Horrorphantasien forderte die Friedensbewegung ein atomares Auschwitz zu verhindern und sah in erster Linie den US Imperialismus als Macht des Bösen Irrte Dieter Kunzelmann als Derwisch des Antisemitismus durch den ersten Teil des Buches so wird im zweiten Teil der Bildungsroman Joschka Fischers in Kurzform geboten Verdiente er sich zunächst im antiimperialistischen Geschäft der Revolutionärer Kampf GmbH Abschnitt Frankfurter Westend seine Meriten so tritt er nach seiner realpolitischen Läuterung als politischer Vollstrecker des kategorischen Imperativs Adornos auf wonach die Menschen gezwungen seien ihr Denken und Handeln so einzurichten daß Auschwitz nicht sich wieder wiederhole nichts Ähnliches geschehe In Kundnanis Erzählung erscheint der Weg Fischers vom street fighting man zum staatstragenden Politiker als schmerzhafter Reifeprozess in dessen Verlauf die utopische Negation und der pazifistische Impetus der realpolitischen Staatsräson geopfert wurden Das Engagement in Kriegen auf dem Balkan und in Afghanistan erscheint unausweichlich um Schlimmeres zu verhindern Adornos Diktum wird als Rechtfertigung für eine phantasielose Politik missbraucht welche die Zustände wie in Jugoslawien zunächst befördert um sie später mit kriegerischer Gewalt zu bekämpfen Unterschlagen wird dass Adorno die Bedingungen welche die Barbarei begünstigen kritisierte Nicht zufällig blieb Fischer ein Gewalttäter Immer schon orientierte sich seine

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_02_utopia.html (2016-02-14)
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  • Viktoria Urmersbach: Im Wald, da sind die Räuber
    ersten Rodungen stets mehr Kulturraum als Natur war und somit von unberührter Wildnis weit entfernt Nichtsdestotrotz behielten die vermeintlichen Urwälder Germaniens über Jahrhunderte ihren festen Platz in der kollektiven Vorstellungswelt nicht nur der Dichter und Denker Das Buch verfolgt die bis heute bestehende Doppeldeutigkeit des Waldes zwischen bedrohlich und schön durch dessen Ideen und Imaginationsgeschichte Im Mittelalter konnte er Ort der Sünde und Symbol für die Schöpfung Gottes zugleich sein später Rückzugsraum für Räuber und andere zwielichtige Gestalten ebenso wie Inspirationsquelle für zivilisationsmüde Poeten Daneben war der Wald durch die Jahrhunderte immer auch Austragungsort sozialer und wirtschaftlicher Konflikte früher zwischen Jägern und Wilderern sowie Förstern und Waldbauern dieser Tage etwa zwischen Mountainbikern und Wanderern Um 1800 erkoren Dichtung Malerei und Musik der Romantik den Wald angesichts der beginnenden Industrialisierung und Verstädterung zum Gegenbild der modernen Welt In den anti napoleonischen Kriegen einige Jahre danach dienten der deutsche Wald und die deutsche Eiche dann bereits als Symbol einer sich findenden aber noch längst nicht existenten Nation Diese national politische Inanspruchnahme erfolgte interessanterweise zeitgleich mit der Etablierung der modernen Forstwirtschaft die den Wald mittels Fichten Monokulturen großflächig zum Ressourcenlieferanten reduzierte Ihren Kulminationspunkt erreichte die Naturinstrumentalisierung in der NS Zeit als der Wald einen zentralen Platz in der offiziellen Ideologie von Partei und Staat einnahm Der Wald als Erzieher wurde zum Vorbild für die Gesellschafts und Staatsordnung erklärt während eine einprägsame Verwurzelungsmetaphorik das deutsche Waldvolk mit einem Wüstenvolk der Juden kontrastierte An einer solchen weltanschaulichen Gleichschaltung des Waldes beteiligten sich neben zahlreichen Intellektuellen ebenso politische Akteure wie Hermann Göring Heinrich Himmler und Alfred Rosenberg Obwohl das deutsche Walddenken damit endgültig ideologisch kontaminiert worden war musste die Waldnatur schon kurz darauf in Förster und Heimatfilmen wieder als Idylle herhalten Die erregten Debatten über das vermeintliche Waldsterben in Westdeutschland zeigten schließlich dass der Wald im

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_01_wald.html (2016-02-14)
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  • RUHR.2010: Mein Poppott
    Abwesenheit eines Publikums zu schreiben anfängt Nicht nur das Publikum die Literatur insgesamt war im Ruhrgebiet relativ abwesend zumindest abwesender als anderswo Freunde Bekannte und Verwandte konnte man nicht mit dem Abdruck einer Erzählung im Alltag oder in ndl beeindrucken sondern damit dass man behauptete einer Ultimate Frisbee Bundesligamannschaft anzugehören In solch einem Umfeld wird Literatur lebenswichtig und das eigene Schreiben existentiell bedeutsam Ein Rückzugsort ein Rettungsanker Im Mittelpunkt steht die Literatur und nicht das Prestige des Literaturmachers Da vorgefertigte Strukturen fehlten wurde man zur Selbstorganisation gezwungen Meine ersten Lesungen habe ich selbst organisiert die meisten meiner Texte erschienen in den von mir herausgegebenen Literaturfanzines ich debütierte in einer Art Selbstverlag besprochen wurde das Buch von meinem besten Freund in meiner eigenen Zeitschrift Das ist durchaus eine sinnvolle Berufsvorbereitung denn den Löwenanteil ihrer Arbeitszeit verbringen die meisten Berufsschriftsteller mit Büroarbeiten Kontaktpflege und Reklame für das eigene Werk Man bewirbt sich um Preise und Stipendien schlägt Verlagen Buchprojekte vor lässt sich zu Lesungen einladen Nur wenige Autoren können sich den Luxus leisten diesen Aspekt der Arbeit zu vernachlässigen Auf der einen Seite die sehr erfolgreichen auf der anderen Seite die sehr erfolglosen Autoren Im Ruhrgebiet kenne ich auffallend viele vermeintlich verkannte größtenteils sogar unveröffentlichte Privatschriftsteller Wenngleich die Isolation des Schreibers anfänglich schreibförderlich ist kann sie auf Dauer zu bleibenden Schäden führen zu Allüren Kritikresistenz seichten oder privatreligiösen Texten Nicht selten auch zur Aufgabe Das Risiko an den Ort abgetrieben zu werden an dem die Kommunikation aufhört und der vereinzelte Wahnsinn anfängt ist meiner Meinung nach im Ruhrgebiet besonders hoch Urs Widmer schreibt Es ist einfach ein Dichter zu werden Es ist schwierig einer zu bleiben Oft frage ich mich ob meine Mitschüler die damals Literatur machten auch heute noch schreiben beziehungsweise ob sie es noch tun würden wenn sie an einem anderen Ort mit dem Literaturmachen angefangen hätten Vieles im Leben hat bekanntlich mit Zufällen zu tun in diesem Fall mit Auftrittsgelegenheiten Veröffentlichungsmöglichkeiten einem anerkennenden Schulterklopfen Ich bin gleichfalls überzeugt dass man Zufälle auch erzwingen kann erzwingen muss Wir waren viele erstaunlich viele zu einer gewissen Zeit des Lebens ist das ja fast eine Art Gesellschaftsspiel daß in einer Gruppe von Jugendlichen geschrieben wird erklärt Peter Handke Trotzdem verblüfft mich die hohe Zahl meiner damaligen Autorenkollegen bis heute möglicherweise ist sie ein Indiz für unsere guten Startbedienungen Wir waren eine Notgemeinschaft und lasen uns gegenseitig und kompensierten so die Abwesenheit des Publikums Man sagt den Menschen im Ruhrgebiet Toleranz und Offenheit nach doch ich empfand es seinerzeit eher als Gleichgültigkeit zumindest was kulturelle Dinge anging Thomas Kapielski ein ausgewiesener Kenner und Liebhaber des Ruhrgebiet schreibt Nun pflegt der Mensch des Ruhrgebietes einen ganz eigenen Makel es ist dies eine gänzlich verkitschte rückwärts gewandte Staublungenromantik irgendwie auch mit elegischer Taubenscheiße verquirlt immer sauber verbrämt mit glitschiger Jammerei über das verlorene Idyll Nichts und nie geht es ab ohne romantischen Stahl Kohle und Kanalmuff Auch das Bedürfnis nach staatsväterlicher und versicherungsmütterlicher Vollversorgung wurzelt tief bis auf die verödeten Flötze Auf der ganzen mir bekannten Welt habe ich nie einen Zeitungsladen bemerkt der so wie hier erst um neun öffnet dann aber schon wieder wie eigentlich alle hier gegen halb eins in eine zweistündige Mittagspause eskapiert Und dann rauschen sie hier auf ihren Rollatoren oder Motorrollern rum flaulabern ständig nur gedrückt über ein geheimnisvolles Früher bemäkeln die hiesige Ereignislosigkeit und das Fehlen der Kultur und dann kommen bei freiem Eintritt nur zwei Figuren zum Orgelkonzert Der Mann mit dem Hörgerät und der Mann aus Berlin Oh Mann Die hiesige Staublungenromantik lässt sich mit der relativen Traditions und Geschichtslosigkeit des Ruhrgebiets erklären Die Städte und Erinnerungsorte sind verhältnismäßig jung das Ruhrgebiet wurde im Zweiten Weltkrieg zu weiten Teilen ausgebombt hinzu kommt der nicht geglückte Wandel vom Kohle und Industrie hin zum Technologiestandort Besuchern zeigt man das Centro in Oberhausen und nicht das verbaute Münster in der Essener Innenstadt Aber das ist ein anderes Thema An dieser Stelle wichtiger ist die von Thomas Kapielski beobachtete selbst diagnostizierte kulturelle Verwahrlosung des Ruhrgebiets Und dafür mache ich in erster Linie die beispiellos schlechte Kulturberichterstattung verantwortlich Immer wieder wenn ich mich im Ruhrgebiet aufhalte bin ich entsetzt über die kläglichen Kultur und Lokalteile der Tageszeitungen Und angesichts des kümmerlichen Niveaus der Stadtmagazine wollte ich die Flinte seinerzeit oft genug ins Korn werfen Nur Kabarett und Ruhrgebietkrimis es war deprimierend Welche Bedeutung die Berichterstattung für das kulturelle Leben einer Region spielt habe ich dann später in Berlin gelernt Mögen die Nischen auch klein sein und immer kleiner werden eine gute Berichterstattung produziert auch Berichtenswertes Der Vergleich mit Berlin ist in vielerlei Hinsicht aufschlussreich Selbstverständlich kann man das Abweichen von der Norm in Berlin besser aushalten als in Mülheim Duisburg oder Marl insbesondere als Schriftsteller Freie prekäre Berufsmuster sind viel verbreiteter Berlin verdankt seine kulturelle Vielfalt ja gerade auch der unfreiwilligen Selbstausbeutung der urbanen Penner Mercedes Bunz Ich kenne in Berlin bestimmt über hundert andere Literaturmacher man kann sich beratschlagen und Hilfestellung leisten das ist gut man kommt aber auch kaum umhin sich zu vergleichen Und angesichts der Masse an Vergleichsmöglichkeiten kann man eigentlich nur den Kürzeren ziehen Die Welt wird in Berlin wirklich klein mitunter grotesk klein Meine erste große Liebe aus Dorsten wohnt inzwischen im Prenzlauer Berg sie ist verheiratet und ihr Mann hat soeben einen Paparoman in meinem Wunschverlag publiziert In der Stadt wohnt auch noch ein Literaturmacher aus Dorsten der obwohl er deutlich jünger ist schon mehr Bücher als ich veröffentlicht hat allesamt in den besten Häusern und kürzlich von meinem Schriftstellervorbild öffentlich gelobt wurde Der eine schreibt schneller andere besser viele schlechter beides ist bitter Man fühlt sich überlegen übergangen empfindet Neid Stolz Mitleid und Wut Ich bezweifle dass es für die Textarbeit hilfreich ist wenn man permanent das Marktgeschehen und die Produkte der anderen Anbieter vor Augen hat ganz im Gegenteil Die Konzentration auf die eigene Arbeit geht dabei verloren und manchmal auch die Freude Die Freiheit sich seine Vergleiche selbst aussuchen zu können ist in meinen Augen sogar die wesentliche Voraussetzung für eine eigenständige

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_01_poppott.html (2016-02-14)
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  • Michael Bérubé: The Left at War
    Abrechnung in der Bérubé als Generalermittler gegen die Chomskyiten auftritt Beweise und Indizien aneinanderreiht und in der Pose des selbstgerechten über alle Kritik erhabenen Vertreter der einzig wahren nämlich der rationalen respektive demokratischen Linken agiert Die manichäische Linke habe konstatiert er in ihrer eindimensionalen Opposition zum amerikanischen Staat den Blick für die zentralen Gewichtungen für die eine Linke stehen sollte verloren die Befürwortung von Gleichheit und Freiheit das Yin und Yang demokratischer Theorie und Praxis Der zentrale Vorwurf an den anarchistischen Intellektuellen Chomsky ist dass er nicht verantwortungsvoll im Sinne des Systems agiere sondern als Randfigur an der Außenlinie Gerade dieses Abseitsstehen mache seine Popularität bei jungen Globalisierungskritikern aus Er gehöre nicht zur politischen Elite und sei daher nicht von den herrschenden Verhältnissen korrumpiert Offenbar ruft Chomskys Weigerung sich mit Haut und Haaren dem ideologischen Verwertungsinteresse des Staates zu überantworten Bérubés Zorn hervor Außerhalb des eigenen Frameworks das in die staatlichen Koordinaten des amerikanischen Systems integriert ist kann er sich keine Existenz vorstellen Trotz aller Bekundungen zur Demokratie will er Abweichler nicht dulden und klassifiziert sie entweder als obskure Randfiguren oder gefährliche Komplizen des Totalitarismus Die simple Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß die er der manichäischen Linken vorhält betreibt er mit seiner Praxis der Klassifikation Erfassung und Einordnung in starre Schemata selbst Die Sprache stempelt ab bemerkte Max Horkheimer und Bérubé verfügt über effektive Werkzeuge um diese Abstempelung zu rationalisieren Entgegen Bérubés Behauptung muss man Chomskys Argumentation nicht vorbehaltlos akzeptieren oder verwerfen Einige seiner politischen Positionen sind durchaus kritikwürdig etwa sein Eintreten für den Holocaust Leugner Robert Faurisson im Namen der Meinungsfreiheit Zuweilen führt ihn eine radikale Opposition zur US amerikanischen Politik an die Seite dubioser Gestalten und Institutionen was im Grunde seiner anarchistischen Philosophie zuwiderläuft Nichtsdestotrotz ist seine Kritik zur Verantwortlichkeit von Intellektuellen als Opponenten der Macht die er während des Vietnamkrieges entwickelte weiterhin gültig Vermutlich ist Chomskys radikale Kritik an der technischen Intelligenz die Moral und Wahrheit an Spezialisierung und Macht verhökert einer der Gründe dass Bérubé ausgiebig die Technik der Textverarbeitung nutzt um mit blockweisem Zitieren von inkriminierten Textstellen die manchmal zwanzig bis vierzig Zeilen umfassen den anarchistischen Feind der Demokratie bloßzustellen Tatsächlich dient dieses Verfahren dazu alle Abweichler als doktrinär zu geißeln Selbst die Frankfurter Schule entgeht nicht dem Pranger Auch sie wird einer doktrinären linken Position geziehen während sich Bérubé als Verteidiger der säkularen Demokratie gegen alle totalitären Regime und ihre Helfershelfer auf der politischen Bühne inszeniert und als Repräsentant einer demokratischen sozialistischen internationalistischen Linken etikettiert ohne dass er die kleinen Schachteln mit der er über die Bühne tanzt mit Inhalt füllt Sie bleiben leere Requisiten eines Poseurs Als Gegenentwurf zu Chomsky präsentiert Bérubé den britischen Soziologen Stuart Hall der mit seiner von Antonio Gramsci beeinflussten Theorie der Hegemonie ein komplexes Verständnis von Politik und Medien begründet habe Während Chomsky und Herman in ihrem medienkritische Buch Manufacturing Consent eindimensional die Wirkung der Medien auf Propaganda und Massenbetrug reduzierten habe Hall als Wegbereiter der Cultural Studies stets die vielschichtigen Implikationen von Kultur einbezogen und

    Original URL path: http://www.satt.org/gesellschaft/10_01_leftatwar.html (2016-02-14)
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