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  • Mordsmäßig Folge 69: »London Killing« von Oliver Harris
    amazon Hardcover Kindle Edition Viel tiefer geht s nicht Detective Constable Nick Belsey erwacht verkatert dreckig und blutig zerkratzt im Hampstead Heath einem Park im Norden Londons Auf dem Parkplatz steht der Streifenwagen den er am Abend zuvor im Vollrausch gestohlen und zu Schrott gefahren hat Nach Jahren der Spielsucht und dank eines ausgewachsenen Alkoholproblems ist der Polizist nun so pleite dass er sogar aus der heruntergekommenen Absteige in der er zuletzt gewohnt hat hinausgeworfen wurde Eigentlich ist er vom Dienst suspendiert doch bislang konnte er das vor seinen Kollegen und sogar vor seinem direkten Vorgesetzten verbergen Als die Meldung hereinkommt dass ein russischer Milliardär vermisst wird ergreift Belsey die Chance Er nimmt die Identität des Vermissten an schläft in dessen Haus und versucht dessen Konten zu plündern um sich ins Ausland abzusetzen und zwar in ein Land ohne Auslieferungsabkommen mit Großbritannien Seine Kenntnisse als Polizist und seine Kontakte zu verschiedenen Ermittlungseinheiten sind ihm bei seinem Vorhaben eine große Hilfe Doch Belsey muss feststellen dass er nicht der Einzige ist der sich für den verschwundenen Oligarchen interessiert und dass der Milliardär offensichtlich in reichlich krumme Geschäfte verwickelt war Schnell schwarz abgründig London Killing ist das überraschende Debüt von Oliver Harris schnell unvorhersehbar unverfroren und schnoddrig mit einer großen Portion schwarzer Ironie Mit wenigen Worten zeichnet Harris atmosphärisch dichte und aussagekräftige Bilder der City of London und seiner geldgetriebenen Gesellschaft Seine Hauptfigur ist kein charmantes Schlitzohr sondern ein abgewrackter Kerl mit fragwürdiger Moral und handfesten Problemen Allerdings ist er nicht korrupt wie viele andere in Polizeiapparat und Stadtverwaltung Belsey nimmt nur Geld von Menschen denen das nicht weiter wehtut Darin wirkt er fast rührend naiv denn seine Gegenspieler sind um Längen skrupelloser Im eiskalten Haifischbecken des internationalen Finanzplatzes London ist Belsey nur ein kleiner unerfahrener Fisch allerdings ein ziemlich dreister In

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  • Die helle Lust: »Die hellen Haufen« von Volker Braun
    die real existierende Utopie noch buchstäblich in den Knochen steckt Seine hellen Haufen rühren die Verhältnisse auf freilich erst einmal als literarische Fiktion Die beschriebenen Ereignisse die in der Konsequenz so nicht stattgefunden haben sind aber wenigstens ein Dementi des landläufigen Gerüchts die Gleichheit aller sei heutzutage eine Tatsache Formale politische Rechte die in der Realität wenig bewirken stehen gegen den übermächtigen Terror einer Ökonomie welche die Menschen in Enteignete und Enteigner Eigentümer teilt Wem die Straße gehört und die Verfügungsgewalt über die Produktion dem gehört die Welt Für all das sind Die hellen Haufen kein Gleichnis eher ein Ungleichnis Denn hätte der Aufstand wirklich stattgefunden so oder so dann wäre dieses Buch nicht geschrieben worden Deshalb bekennt der Autor am Ende seiner Geschichte Es war hart zu denken dass sie erfunden ist nur etwas wäre ebenso schlimm gewesen wenn sie stattgefunden hätte Tatsächlich geht es in der Erzählung gar nicht um die närrischen Fakten es geht nicht um die Personen aus Rüben geschnitzt es geht nicht um die Handlung aus den Fingern gesogen es geht zuallererst um die Erhebung der Enteigneten die im dritten Teil des Buches als Fiktion aufgespannt wird Hier verlässt der Autor das Feld der Fakten

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  • Ulf Stolterfoht, Das deutsche Dichterabzeichen
    klassifiziert Stolterfoht der Listige nimmt die sportive Komponente des Schauwettbewerb s beim Wort und prägt seinem fiktiven Feature Verlag konsequent das Vokabular des Pferdesports genauer des Derby ein Stallwette Distanz Kommando Zucht Rekord alles ist am Start um den Lyrikbetrieb karikierend kenntlich zu machen Bereits der Titel Anspielung auf das Deutsche Reiterabzeichen deutet die rennpferdliche Sicht an die die drei Sprecher einnehmen und mit einiger launig daherkommender Maliziosität beibehalten Stolterfoht geizt nicht mit Sottisen Am Hindernis Widmungsgedicht scheute der Text Für Oskar Loerke und begrub seinen Verfasser unter sich und verteilt genüsslich leichte Schocks Der Decktext Militär im Deutschen Literaturarchiv Marbach Seitenhieb vielleicht auf dessen Architektur die anderen Vorbildern zu huldigen scheint als der Bonner Kanzlerbungalow Das Fiebrige des Höher Schneller Weiter teilt sich auf jeder Seite mit eine aufgekratzte Reportersprache zerrt die introvertierte Arbeit des Dichtens ins Scheinwerferlicht a uf der Bühne flattert bereits fröhlich ein weißes Banner mit den Namen der Sponsoren in der Regel sind das Sparkassen und Energieversorger Das liest sich spaßig doch das Bild das Stolterfoht von der Existenz als Erwerbslyriker entwirft ist eines zwischen Desillusioniert und Desperatheit Machen wir uns doch bitte nichts vor heißt der erste Satz emblematisch wie das Merdre Scheitze in Ubu Roi Doch machen wir uns nichts vor und gerade diesbezüglich braucht man sich nichts vorzumachen Um nichts anderes geht es aber Vormachen sich selbst und anderen Singen gehen wie Böll das nannte nur dass in Das deutsche Dichterabzeichen ausdrücklich die Wettbewerbslesung gemeint ist Der Lehrling muss mit der Jurybeschaffenheit vertraut sein ist es eine tiefe ist es eine glasharte Jury Exkurse zu den Themen Kleines Lesungs oder Wettbewerbsglossar Lyrische Typen zur Einführung Ein Tag bei den Texten Die Vielseitigkeitsdichtung in Analogie zum Vielseitigkeitsreiten bringen Aufklärung über alles was der angehende Dichter wissen muss Aber es ist alles gefakt oder

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  • Ilse Aichinger: Es muss gar nichts bleiben. Interviews
    für einen Irrtum hält Im übrigen sagt Aichinger explizit auf die Selbstinszenierung von Schriftstellern angesprochen sei es ihr völlig gleichgültig welche Ansichten ein Mensch vertritt Die eigene Biographie ist ihr auch in den zuletzt erschienenen für die Zeitung verfassten Feuilletons vor allem Anlass um über anderes nachzudenken Zwar nimmt sie immer wieder Bezug auf bestimmte Episoden aus ihrem Leben jedoch aus einer literarischen Haltung heraus als Ausgangspunkt für den Weg in die Welt jenseits des eigenen Ichs dorthin wo es verschwindet In Aichingers Schreiben liegt dann auch der wichtigere Grund für ihre autobiographische Zurückhaltung Es ist ein Schreiben das mit der Wirklichkeit in Kontakt treten will Die Wirklichkeit aber kommt nur hervor wenn man sie kontert wenn man sie nicht anerkennt wenn man sich nicht anpasst so Aichinger Und an anderer Stelle Ich finde um der Schöpfung gerecht zu werden mit all dem Wunderbaren und auch mit all dem Schrecken der zum Teil größer ist als das Wunderbare muss man sie kontern Man muss mit ihr ins Gespräch kommen Ich kann mit der Schöpfung nicht anders ins Gespräch kommen als indem ich sie kontere Idealerweise entsteht so eine Wahrnehmung in der die Dinge neu von Banalität befreit erscheinen A lles bleibt weg man findet nicht einmal zum nächsten Sessel oder zum Bett zum Tisch Plötzlich ist ein Zustand hergestellt aus dem man wieder auftauchen kann Dann findet man alles neu Es ist dann alles so einzigartig wie es eigentlich sein sollte plötzlich ist der Sessel wieder da die Bücher liegen auch dort Derartige Momente nennt Aichinger Kurzschlüsse Dies auch der Titel eines 2001 erschienenen Bandes mit kurzen Prosatexten Es sind verschärfte auf paradoxe Weise schöpferische Erfahrungen der Wirklichkeit im Moment ihres Verschwindens Die Gefahr einer derartigen radikalen Herangehensweise in den Interviews ebenso wie in den literarischen Texten ist offenkundig Das Gespräch kann scheitern die Texte können ungelesen unverstanden bleiben Schreiben ist auch ein Beruf der die Gefahr birgt dass man in die Isolation gerät was für mich nicht immer nur eine Gefahr ist In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich Ilse Aichinger seit Erscheinen der Szenen und Dialoge in zu keiner Stunde 1957 und der Erzählungen in Eliza Eliza 1965 in die Unverständlichkeit zurückgezogen eine Diagnose die nicht nur ihr sondern einer Vielzahl von Zeitgenossen wie Günter Eich oder Paul Celan gestellt worden ist Missverstanden kategorisiert übergangen zu werden selten spricht Aichinger die sich selbst ungeduldig nennt solche Belastungen für ihr Werk und ihre Person direkt an Eher am Rande in ihrem Absageschreiben an die Veranstalter des Österreich Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse 1995 der Text ist im Anhang des Bandes dokumentiert wendet sich Aichinger gegen öffentliche Zuschreibungen ihre Person betreffend Ich bin wie Sie in Ihrem Brief schreiben still das stimmt Aber ich wurde und werde auch still gemacht Und ich bin nicht verträumt keine Poetin ich schaue genau hin auch auf die Lüge dieses für jedes Leiden blinden Staates 1957 kommt es nach einer Lesung Aichingers bei der Gruppe 47 zu heftigen Auseinandersetzungen über den surrealistischen Charakter der Texte aus

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  • Dubliners today: Roddy Doyle schreibt Fortsetzungsgeschichten für das multikulturelle Magazin Metro Eireann
    Gewinners Ich schicke sie an den Redakteur von Metro Eireann Chinedu Onyejelem und oft habe ich keinen Schimmer wie es weitergehen soll so Doyle Eine Gemeinsamkeit der Geschichten Fast immer trifft ein in Irland geborener Mensch auf einen Neuankömmling aus fernen Ländern in Afrika oder Osteuropa Faszinierend wie Roddy Doyle in diesen Kurzgeschichten den keltischen Tiger und die rasanten Veränderungen verarbeitet die sein Heimatland im Laufe der letzten zwanzig Jahre erlebt hat Gewöhnungsbedürftig ist ein Wort das er für diese Prozesse findet 1990 habe ich einen Roman Fish Chips über einen arbeitslosen Gipser geschrieben Fünf sechs Jahre später gab es keine arbeitslosen Gipser mehr Das Irland eben dieser Barrytown Trilogie ist nur zu gut in Erinnerung Für eine der Geschichten im Metro Eireann boten die Helden von damals einen nahezu perfekten Anknüpfungspunkt Jimmy Rabbitte ehemaliger Manager der Commitments ist zwei Jahrzehnte später immer noch als großer Musikliebhaber unterwegs der Blues bestimmt sein Leben The Deportees wird der Name einer neuen multikulturellen Band die er mit Musikern aus aller Welt zusammenstellt Die gleichnamige Erzählung war auch titelgebend für die englischsprachige Originalausgabe dieser Sammlung The Deportees and Other Stories Bewerbungen weißer Iren zwecklos will Bandmanager Jimmy Rabitte zunächst für seine Kleinanzeige in der Hot Press schreiben der Leser schmunzelt mehr als ein Mal auch in Erinnerung an The Commitments und das Jahr 1991 Jimmy Rabittes bekanntes Zitat damals The Irish are the Blacks of Europe And Dubliners are the Blacks of Ireland And the Northside Dubliners are the Blacks of Dublin So say it once say it loud I m black and I m proud Musiker aus aller Welt melden sich in der neuen Erzählung telefonisch sie müssen auf die Frage Mögen Sie die Corrs die richtige Antwort geben Humor und Wortwitz sind in diesen Kurzgeschichten Doyles bevorzugtes Stilmittel um das Aufeinandertreffen

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  • Eine Würdigung Alexander Kluges aus Anlass seines 80. Geburtstages
    keiner mehr trauen Auf die Chronik der Gefühle folgte 2003 Die Lücke die der Teufel lässt und stellte sich monumental mitten in die Diskurslandschaft Das Cover zeigte das gespenstische Skelett des Ground Zero Aus zahllosen Blickwinkeln zoomte Kluge in kurzen Stories das schon verdächtig gewordene neue Jahrtausend heran mal in der Verkleidung des Militärhistorikers mal in der des Politpaparazzos Auch mit Das fünfte Buch dem jetzt veröffentlichten fünften Band seines Erzählungsgroßunternehmens schreibt Kluge sein Projekt für die Wirklichkeit zu interessieren fort Umfänglich schon das Register der handelnden Personen Kleist Ludwig Hegel der uneheliche Sohn des Philosophen die Geliebten Adornos Nietzsche Goebbels Klaus Mann Arno Schmidt Lord Elgin Aristoteles Ernst Jünger Goethe Habermas Luhmann Berija Der bildungsgesättigte 402 Geschichten umfassende Band mit seinem klassisch kategorischen Titel bildet den Schlussstein einer insgesamt etwa 4000 Seiten umfassenden offenen Erzählarchitektur deren Fundament Kluge vor bald fünfzig Jahren mit den Lebensläufen legte Neue Lebensläufe heißt das neue Werk darum abbindend im Untertitel Unermüdlich wandert Kluge um eine seiner Lieblingsmetaphern zu zitieren mit der Straßenkarte von Groß London durch den Harz Er spaziert durch die Welt und führt zusammen was vielleicht nie beisammen war und dennoch zusammenpasst und kreiert so einen Surrealismus der Gelehrsamkeit nicht unähnlich der berühmten zufälligen Begegnung auf einem Seziertisch zwischen einer Nähmaschine und einem Regenschirm Das von ihm betriebene Themen Karussell schleudert so wild Metaphern und Bilder heraus dass man sich fragt ob er nicht wie die Großmeister der Renaissance Gesellen und Angestellte beschäftigt Karg der Ton in dem Kluge von seinen lustvoll abseitigen Wanderungen berichtet Lakonik ist für ihn neben der Empathie die höchste Erzählertugend Die große literarische Geste ist ihm fremd So benötigt er nur eine Drittelseite um seine Version der Anna Karenina zu erzählen Was wie eine Unverschämtheit dem Titanen Tolstoj gegenüber erscheinen könnte ist nur Höflichkeit gegenüber dem zeitgenössischen Leser Rücksichtnahme auf dessen verstopften Terminkalender Es war Kluges Freund Heiner Müller der ihm mit Verweis auf Tacitus das Wesen der Lakonik nahebrachte Der römische Geschichtsschreiber berichtet in seinen Annalen wie der tyrannische Kaiser Tiberius der auf Capri sitzt den angeblichen oder wirklichen Staatsverbrecher Sejan seinen früheren Geheimdienstchef töten lässt Auch die Kinder Sejans will Tiberius umbringen Das ist nach römischem Recht bei einem minderjährigen Mädchen der 12 jährigen Tochter des Staatsverbrechers verboten Das Recht gebietet nur mannbare Mädchen dürften hingerichtet werden Deshalb muss der Henker dieses Kind erst vergewaltigen und so mannbar machen ehe er es vom Felsen stürzt Kluge resumiert Brutalität der Macht Rigidität des Rechts Kürze der Erzählung Es war meine erste Begegnung mit Müller und deshalb erzähle ich sie hier Tacitus ist für mich seither ein Nachmittag an dem mir Müller gegenüber sitzt Auch für uns dauert dieser Nachmittag an Wer erinnert sich nicht an die berühmten Müller Gespräche das Paff Paff des Dramatikers interpunktiert von Kluges gedankenvollem Ja ja Diese Unterhaltungen sind was vom Kulturmenschen übrig blieb Große Rollenprosa live produziert prallvoll mit Denkanstößen und Aphorismen ein Parforceritt übers Gelände der Geschichte und der Mythen Nicht zuletzt sind diese Dialoge auch Lehrstunden in der

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  • Mordsmäßig Folge 68: »Unter dem Schatten des Todes« von Robert Brack
    Exil von der Komintern der Kommunistischen Internationale geschickt Ihre Aufgabe undercover möglichst viel über den Reichstagsbrand und den mutmaßlichen Attentäter den Holländer Marinus van der Lubbe herausfinden Fakten und Fiktionen Van der Lubbe war direkt nach dem Brand in der Nacht vom 27 auf den 28 Februar 1933 verhaftet worden laut Nazipropaganda ein Kommunist Bereits am 28 Februar 1933 wurde die Reichstagsbrandverordnung zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte erlassen Durch sie wurden die Grundrechte der Weimarer Verfassung weitgehend außer Kraft gesetzt einer der zentralen Schritte zur Abschaffung des Rechtstaats die nun einsetzte In Bracks Roman erkennt KP Mitglied Klara Schindler bald dass es der Komintern bei weitem nicht um die tatsächlichen Hintergründe geht Vielmehr soll Klara Beweise sammeln die zeigen dass van der Lubbe ein Werkzeug des Hitlerregimes ist Doch die Journalistin widersetzt sich dem da sie auf Widersprüche und Ungereimtheiten stößt Mehr Indizien als Beweise Diese offenen Fragen waren für Robert Brack der Anlass den Roman zu schreiben Wie er im Nachwort erklärt geht es ihm vor allem um die Person van der Lubbes Über dessen wirkliche Beweggründe ist bis heute wenig bekannt Brack hat sehr sorgfältig recherchiert und die inzwischen bekannten Fakten zusammengetragen doch diese sind eher Indizien als Beweise Bis heute sind Tathergang und Motive weigehend unbekannt Ja nicht einmal die Täterschaft steht mit Sicherheit fest Nach den gängigen Theorien war der Holländer entweder ein wirrer nahezu debiler Einzeltäter oder ein williges Werkzeug der Kommunistischen Partei bzw der NSDAP je nach Standort des Theoretikers der nur mittels handfester Unterstützung einer der Organisationen den Reichstag in Brand setzen konnte Bracks Anliegen ist es hinter die Propaganda von welcher Seite auch immer zu schauen Dafür lässt er seine Journalistin durch Berlin im frühen März 1933 streifen und mit den unterschiedlichsten Leuten sprechen Jeder ihrer Gesprächspartner zeichnet ein anderes Bild von

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  • „Liebt Ihr Buchstaben?“ - Konstantin Ames’ Lyrikdebut »Alsohäute«
    krö Goethe gar ist als g bzw g überhaupt nur mehr aus dem Zusammenhang zu erschließen Ernst Jandl hat dies Verfahren Wörter abzureißen in die deutschsprachige Dichtung eingeführt vgl sein Gedicht fragment mit dem berühmten ja herr pfa wie produktiv es ist lässt sich an vielen Texten von Alsohäute ersehen Ames Gedichte setzen dem Leser Widerstand entgegen provozieren im ersten Moment vielleicht sogar Abwehr Ames weiß darum Viele Leser lassen sich von Buchstaben auf Papier in die Irre führen Erwarten Rührung Erbauung und sind dann enttäuscht wenn der Text etwas anderes tut Was er soll Er ist ein Formartist und schneller Wortspieler wer mithalten will muss zum geduldigen Verstehen bereit sein Doch warum sollte man auch sonst Gedichte lesen wenn nicht um sich für eine Weile dem betäubenden Alltagslärm zu entziehen und sich in die hinhörende Begegnung mit dem Text zu versenken Die Gedichte bauen jedenfalls auf Begegnung und wer sich Zeit lässt wird immer mehr in ihnen entdecken seien es Anspielungen auf Ringelnatz Goethe Joyce oder die Bibel Überkritzelungen geflügelter Worte Banane ist hase ich weiß von nutz Verballhornungen Ideejoten Poente fremdsprachige Einsprengsel herrlich alberne Anleihen an Dialekt Hessisch Sächsisch und Kindersprache Augenkacki pseudosentenziöse Eigenzitate oder neue Wortfelder z B den Jargon der Graffiti Sprayer im Gedicht giraffe auf fotografien eine tschuldigung Besonders hervorgehoben sei auch Ames Idee die deutsche Schrift Sütterlin mit ihren Buchstabenverschlingungen nachzubilden was zu komischen Verbeulungen und Verdrehungen führt die der Autor auch im Vortrag artikulationsstark wiederzugeben vermag Mit einem Wort Ames hat viele Pfeile im Köcher nutzt auch ganz klassische Verfahren wie Anapher Parallelismus Assonanz unreinen Reim und schreibt wenn er will schlicht schöne Verse wie In meinem beutel Seh ich münzen weg In tabakwolken wehn Langeweile kommt nicht auf Da es unmöglich ist im Rahmen einer Rezension einem Buch das ein philologisches mindestens ein waches Auge braucht ganz gerecht zu werden möchte ich auf zwei Gedichte genauer eingehen REUNITED und an denen sich die Raffinesse die Ames Texte insgesamt auszeichnet schön aufzeigen lässt Werden diese auch immer wieder einmal als experimentell bezeichnet womit indirekt ein hasardeurisches um den Ausgang des Experiments unbekümmertes Vorgehen des Autors behauptet wird so ist doch offenbar dass es allenfalls der Leser ist der sich hier auf ein Experiment einlässt nämlich jenes das konstruktivistische Kalkül der Texte aufzuspüren Dies vorab Das satirische REUNITED leitet den zweiten Teil des Bandes ein dessen Motto es zugleich ist Wie der Titel ahnen lässt thematisiert es die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten Formal handelt es sich um ein Akrostichon d h die ersten Buchstaben der Verse ergeben ein Wort hier eben REUNITED Wie heikel wie wenig glatt das historische Ereignis verlief zeigt Ames schon mit der Bezifferung dieses Abschnitts Da steht nämlich nicht II sondern I I und ich denke an die Verse von Anna Achmatowa In der Umarmung aber bleibt wie immer Fremdheit Und in den Augen bleibt die Angst Diese Fremdheit und Angst die ich mag sein auf Ames Gedicht projiziere scheinen nicht nur in der gesperrten Schreibung I I aufgerufen

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