archive-org.com » ORG » T » TRANSCRIPT-REVIEW.ORG

Total: 486

Choose link from "Titles, links and description words view":

Or switch to "Titles and links view".
  • Transcript (Deutsch)
    verstehe bis jetzt noch nicht was da eigentlich passiert war Wir kehrten in den Alltag zurück den wir kannten nur um festzustellen dass sich das Leben von Grund auf verändert hatte die Dialoge und Gespräche die Zeugenberichte alle hatten etwas zu sagen und alle blieben stumm Es gibt mehr Tote als nötig Zahllose Träume wandern in den Köpfen der Bewohner dieser vergessenen Stadt umher die in der politischen Berichterstattung immer wieder breiten Raum einnimmt Niemand versucht wirklich zu verstehen was hier geschieht und niemand will damit beginnen etwas zu verändern Vielleicht ist es das Unglück dieser Stadt dass sich jene die in ihr leben eine seltsame Eigenschaft zulegen nämlich die Fähigkeit zu ertragen und zu verstehen womit man eigentlich nicht leben kann Sie beschweren sich nicht und sie schreien nicht schweigend akzeptieren sie jede neue Situation als seien sie für sie erschaffen worden Dieses Anpassungsvermögen hat mich immer erstaunt weil es im völligen Gegensatz zum Charakter der Menschen steht die in dieser Stadt leben Aber sie bleiben weiterhin stumm und ich höre nicht auf mich zu wundern Wie aber kann man nun weiterleben und jeden Morgen mit einem Lächeln auf dem Gesicht aufwachen und auf einen neuen hellen Tag hoffen Es gibt ein kleines Geheimnis Wenn du es kennst kannst du einfach so weitermachen Für das Leben in Gaza musst du dir deine geheime Welt schaffen Eine schöne Welt in der es nur dich gibt und jene die so sind wie du Jene die kleine Träume haben wie etwa an einem Wintertag durch den Regen zu laufen oder bis spät in die Nacht beim Klang von Musik mit Freunden zusammenzusitzen Da im Gesetz von Gaza diese Dinge zu verbotenen Dingen werden musst du sie suchen und du wirst sie sicherlich auch finden Dann solltest du dein kleines Geheimnis sorgfältig hüten Genieße es so gut du kannst um deine Zeit etwas anders zu gestalten Du wirst ganz andere Dinge in dein Tagebuch schreiben als man sie täglich in den Nachrichten lesen kann Diese sind voll von Tod Armut und sinnlosem Töten das nichts ändert Oder von den Raketen die zwar viel Lärm machen aber nicht einmal eine Katze verletzen können Du bleibst dann in deiner wunderschönen Isolation dein äußerster Wunsch besteht darin billigere Zigaretten auf dem Markt zu bekommen und du denkst darüber nach wie du die Neujahrsnacht außerhalb deiner vier Wände verbringen kannst Tagebuch einer zerrissenen Stadt Auf dem Nachhauseweg werde ich Zeuge verschiedener Szenen die ich inzwischen gewohnt bin und schon auswendig kenne Traurige Gesichter die nach einem Stückchen Hoffnung suchen Das Elend auf den Straßen die überfüllt sind von Bewaffneten Ich kann mir nicht erklären wo die alle herkommen In zahllosen Rundfunk sendern ertönt immer wieder dieselbe absurde Symphonie vermischt mit Nachrichten von Toten Blut und gegenseitigen Anschuldigungen die ich nicht verstehe Das blutige Theaterstück geht weiter und niemand ist in der Lage es zu beenden Wände mit Bildern Slogans und Werbeplakaten die übereinander geklebt sind und denen man nicht mehr entnehmen kann wozu sie eigentlich aufgerufen haben

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-33-gaza/somaya-el-sousi (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    veröffentlicht und vertreibt Gegründet wurde das Unternehmen von Dr Hassan Hammad der sich zusammen mit seinem zehnköpfigen Team dafür einsetzt die Zeitschrift im deutschsprachigen Raum als Hauptportal für arabische Literatur zu etablieren Mittlerweile kann die Zeitschrift auf 8 Ausgaben zurückblicken und die Edition auf einen gut gefüllten Katalog Im September 2009 war Lisan Partner des Internationalen Literaturfestivals Berlin um den Fokus Arabische Welt zu gestalten Über den kurzlebigen Erfolg des

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-33-gaza/lisan-eine-brucke-in-die-arabische-literatur (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    Wort als auch Geschäftssinn in seiner nicht kommerziellen Ausprägung Seit Gründung ihrer Agentur im Jahr 2004 hat sie sich unermüdlich für die Verbreitung zeitgenössischer arabischsprachiger Literatur eingesetzt und das weit über die Autoren aus ihrem eigenen Katalog hinaus Im Jahr 2009 rief sie gemeinsam mit Nadim Tarazi dem Direktor der Maison du Livre der libanesischen Vereinigung zur Verbreitung und Förderung von Literatur das Projekt Mubtada wa khabar ins Leben eine

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-33-gaza/profil-yasmina-jraissati (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    Gaza Midad Deutsch arabisches Literaturforum präsentiert nach Ländern und Themen sortiert die bekanntesten zeitgenössischen Vertreter der arabischsprachigen Literatur Zenith Online Das Onlinemagazin berichtet auf Deutsch über die muslimisch geprägte Welt Unter der Rubrik Kultur werden unter anderem arabische Schriftsteller und ihre Werke vorgestellt beispielsweise der libanesische Autor Elias Khoury der 1998 mit Das Tor zur Sonne seinem Roman über die palästinensische Nakba bekannt wurde und dessen aktueller Roman Yalo in

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-33-gaza/links (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    sich unermüdlich ihrer wichtigen und gewissermaßen heiligen Aufgabe verschreiben und Verlegern den Gralshütern der Weltliteratur die sich und den Lesern neue topographische Räume erschließen faszinierende Teile dieser Welt die wir noch nicht kannten Es gibt das Klischee von der Türkei als ein Land das zwischen Ost und West gefangen ist zweigeteilt und doch von beiden bereichert Man könnte dieses Klischee auf die Spitze treiben indem man sagt dass dies für das Innere des Landes ebenso zutrifft Es ist ein Land aus verschiedenen Regionen mit verschiedenen Kulturen und Sprachen die tatsächlich trennend wirken sich aber auch gegenseitig bereichern Bei der Zusammenstellung dieser Ausgabe von Transcript haben wir uns redlich darum bemüht Stimmen aus verschiedenen Teilen des Landes vorzustellen nicht nur aus dem weltstädtischen Istanbul das unbestreitbar den Mittelpunkt der türkischen Literaturszene darstellt sondern auch solche deren Geschichten in anderen kleineren Städten spielen oder die aus solchen stammen Die Texte in dieser Ausgabe umfassen eine große stilistische Bandbreite um einen Eindruck von den zahlreichen und unterschiedlichen Trends in der zeitgenössischen türkischen Literatur zu vermitteln Zu unserer notwendigerweise begrenzten Auswahl zählen Autoren wie der sehr postmoderne geistreiche und sarkastische Ersan Üldes die Minimalisten Barış Bıçakçı und Ahmet Büke die einem direkt bis ins Mark gehen Hatice Meryem mit Geschichten die von einer exotischen Minderheitensprache geprägt sind der satirische und humorvolle Dichter Alper Canigüz der vielleicht am ehesten mit Kingsley Amis vergleichbar ist Des weiteren stellen wir Ihnen Behçet Çelik vor der in diesem Fall von seinem typischen minimalistischen Stil abweicht und uns von einer gewichtigen Existenzkrise berichtet Murat Özyaşar der uns einen kurzen und knappen Einblick in das Zentrum des Krieges im Südosten des Landes gewährt und Sibel K Türker mit einer herzbewegenden zeitlosen Geschichte über nackte Gewalt und Leidenschaft Wir präsentieren Feryal Tilmaç mit einer Kurzgeschichte über eine junge Frau die gefährlich

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-32-neue-prosa-aus-der-turkei/zu-dieser-ausgabe (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    ist dessen gesamtes Werk in niederländischer Übersetzung vorliegt wurde von diesen Autoren bisher kein einziger Titel übersetzt Lyrik Obwohl die türkische Literatur in den Niederlanden seit 1990 ein zunehmend literarisches Ansehen genießt wird noch immer nur ein Bruchteil der türkischen Buchproduktion ins Niederländische übersetzt Zudem ist die Auswahl der übersetzten Titel in dreierlei Hinsicht beschränkt Die übersetzten Werke zeigen kaum Abweichungen hinsichtlich der Autorenauswahl des Veröffentlichungsdatums des Originals oder des literarischen Genres Die meisten übersetzten Bücher sind Romane die von einer kleinen Gruppe junger zeitgenössischer Autoren verfasst wurden Die Arbeiten von bereits länger verstorbenen Schriftstellern sind in niederländischer Übersetzung kaum zu finden Dies ist ebenso zutreffend für lyrische und dramatische Werke wie für Kurzgeschichten Literaturzeitschriften die eine alternative Plattform für andere Genres als den Roman darstellen könnten finden in den Niederlanden keinen fruchtbaren Boden und nur sehr wenige von ihnen veröffentlichen Übersetzungen Wie wenig türkische Lyrik in Übersetzung vorliegt ist in quantitativer Hinsicht besonders augenfällig Allein ausgehend von dem was aus dem Türkischen übersetzt wird könnte ein niederländischer Leser wahrlich nicht auf die umfangreichen und regelmäßigen Lyrikveröffentlichungen in der Türkei schließen Zudem kann der niederländische Leser die Bedeutung oder den Einfluss der Poesie innerhalb der türkischen Literatur nur schwer beurteilen Mit ihrer langen und vielfältigen Geschichte war die Lyrik mindestens genauso prägend wie das relativ junge Genre des Romans Eine Reihe moderner literarischer Strömungen die das Individuum im Mittelpunkt stellen wie der Surrealismus Futurismus und Symbolismus hinterließen im Roman kaum Spuren beeinflussten aber die türkische Lyrik Obwohl die meisten dieser Strömungen ursprünglich von der europäischen Literatur geprägt waren gingen die Lyriker in der Türkei mit der Zeit über die bloße Imitation weit hinaus und verfassten authentische türkische Werke Gewiss ist die Übersetzung von Lyrik alles andere als einfach Doch die Unterrepräsentation der Lyrik bei den niederländischen Übersetzungen türkischer Literatur kann auch mit den Vorlieben der niederländischen Leserschaft erklärt werden Im Gegensatz zu den poesiebegeisterten Massen in der Türkei bevorzugen niederländische Leser zumeist Romane In dieser Hinsicht spiegelt der geringe Anteil an türkischer Lyrik die niederländische Vorliebe wieder lieber auf vertrautem Terrain zu bleiben zumindest hinsichtlich des Genres anstatt offenherzig eine neue Literatur daraufhin zu untersuchen was sie zu bieten hat ganz egal wie verschieden sie im Vergleich zur niederländischen oder europäischen Literaturlandschaft auch sein mag Die Türkei als kultureller Markt Orhan Pamuks Nobelpreis für Literatur von 2006 erhöhte zweifellos das Interesse an türkischer Literatur im allgemeinen und öffnete Schriftstellern aus der Türkei damit neue Wege Nichtsdestoweniger schuldet die türkische Literatur ihre Beliebtheit nicht allein dem Literaturnobelpreis Die niederländischen Verleger suchen nach neuen Landstrichen die sie als Gegengewicht zu der überwältigenden Flut englischsprachiger Literatur entdecken können der die Verlagsbranche ihre Türen geöffnet hat Die türkische Literatur bietet sich dahingehend als geeigneter Kandidat Infolge der Verhandlungen über die türkische Mitgliedschaft in der EU Tourismus und des europäischen Erfolgs türkischer Musik und türkischer Filme von Regisseuren wie Fatih Akın und Nuri Bilge Ceylan wurde die Türkei nicht nur für ihre einheimische Folklore befremdliche Traditionen und seltsame Speisen weitreichend bekannt sondern auch als Land mit einer sogenannten Hochkultur 2008 war die Türkei Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse und 2010 wird Istanbul Kulturhauptstadt Europas sein Ausgehend von der türkischen Migrantenkultur könnten die niederländischen Leser vermuten dass sich Publikationen in türkischer Sprache auf Boulevardblätter und Zeitschriften beschränken Sie würden nicht im Traum darauf kommen dass die Türkei ein Land mit langer literarischer Tradition ist geschweige denn einer so interessanten Gute Bücher Auch wenn es sich noch immer um eine Nische handelt stellt sich angesichts des offenkundig zunehmenden Interesses an türkischer Literatur und der Unproportionalität dessen was bereits übersetzt wurde die Frage welche Bücher als nächstes zu übersetzen sind Wie soll die Literatur einer anderen Kultur in der Übersetzung dargestellt werden Oder sogar Sollen Bücher in irgendeiner Weise repräsentativ für die Literatur in ihren Heimatländern sein um übersetzt zu werden Nachdem der folkloristische Standpunkt weitestgehend aufgegeben wurde sind niederländische Verlege geneigt diese Frage mit einem entschiedenen nein zu beantworten zumindest hinsichtlich der Verkaufsförderung von Büchern Anders als russische Klassiker wie Krieg und Frieden und literarische Werke aus vollkommen unbekannten Kulturkreisen wie Island oder afrikanischen Ländern wird ein Roman aus der Türkei nicht als türkischer Roman präsentiert sondern einfach als Roman Es ist die weit verbreitete Meinung unter Verlegern dass nicht die Herkunft eines Autoren im Vordergrund stehen sollte sondern allein die Qualtiät seines Schreibens Niederländische Verlage sind nicht auf der Suche nach türkischen Bücher im Besonderen sondern einfach nach guten Büchern Doch was genau sind gute Bücher Diese Frage ist schon innerhalb der Literatur seines eigenen Kulturkreises nicht einfach zu beanworten Was als gute Literatur gilt hängt stark von einer Reihe nicht textlicher soziologischer und wirtschaftlicher Faktoren ab Bei der Auswahl guter Bücher aus einem anderen Land einer anderen Kultur einer anderen Erzähltradition in einer anderen Sprache wird diese Frage umso komplizierter Natürlich sind die literarisch soziologischen Prozesse die in einem weit entferten Land vonstatten gehen viel weniger einsichtig Und hinzu kommt ein weiterer Faktor Wie vertraut oder fremd sollte ein literarischer Text aus einer anderen Kultur sein damit er die Aufmerksamkeit des niederländischen Lesers verdient Die Suche nach guten Büchern mag zwar ästhetischen Gesichtspunkten folgen doch ist die Gunst des Lesers und der damit verbundene wirtschaftliche Erfolg naturgemäß ebenso bedeutsam für die Verlage Können g ute Bücher beispielsweise wichtige Bücher sein Werke die einen großen Einfluss auf das literarische Schaffen in der Türkei hatten obwohl sie auf den heutigen Leser in den Niederlanden möglicherweise altmodisch wirken Wie ist es mit Büchern deren Genre oder Stil dem niederländischen Leser nicht oder nicht mehr geläufig ist Kann eine Possengeschichte mit oberflächlichen Figuren ein g utes Buch sein und somit für eine Übersetzung infrage kommen wenn die niederländische Leserschaft derzeit psychologisch angelegte Romane zu bevorzugen scheint Und islamische Prosa Oder Romane mit einem Humor über den man in der Türkei schallend lacht der seinen niederländischen Lesern aber nur ein schmales Lächeln abringen kann Es stellt sich die Frage inwiefern man etwas in seiner Gänze mögen kann das einem vollkommen fremd ist Insbesondere ältere Literatur kann sowohl beim Genre als

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-32-neue-prosa-aus-der-turkei/essay-wahre-bucher-gute-bucher (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    man mich als Menschen begreifen will Vielleicht hebt die Vorstellung des Autors über künftige Leser diese Einsamkeit auf Erzählungen sind nicht wie Briefe das weiß ich Manchmal kommt es mir vor dass ich das Gleiche weiß wie der Autor Ich glaube in der Frage des Wissens ist er nicht kleinlich Sie werden nicht für eine bestimmte Person geschrieben Natürlich werden Bekannte Freunde und Verwandte sie lesen Aber letztlich schreibt er für völlig unbekannte Menschen Er schreibt damit diese Menschen von denen er nicht weiß wer sie sind über mich lesen und sich dabei unterhalten Dann muss ich also auch versuchen sympathisch zu wirken ich muss mein Sein fortführen ohne jemandem auf die Nerven zu gehen Das ist mein Part Aber die Arbeit des Autors ist schwieriger Denn es ist unmöglich vorauszuahnen wie der vielleicht noch nicht einmal geborene Leser der an einem beliebigen Punkt in der Zukunft dieses Buch in die Hand nehmen und zu lesen beginnen wird ist was ihm gefällt und was ihn langweilt Vielleicht gefällt ihm gerade dieser unbekannte Faktor Und weil diese Ungewissheit so groß ist lässt er den Leser einfach außer Acht Er schreibt wie es ihm in den Sinn kommt Oder er tut so Ich kann das nicht erkennen Zumindest vorläufig nicht Mein Gott vor ein paar Zeilen sagte ich Buch nicht wahr Dieses Wort hat ausgereicht um mich glücklich zu machen um mich in Euphorie zu versetzen Ich glaubte mich schon auf den weißen Seiten eines Buches zu sehen von einem festen Umschlag geschützt Ich stand in einer Bücherei im Regal zwischen den anderen Büchern stolz und aufrecht und ich träumte davon jahrelang so zu stehen Der größte Traum eines fiktiven Mannes Meine bloße Existenz ist schön aber ich wünschte mir dennoch ein Gesicht zu haben Ich hätte es bevorzugt dass ich ein Gesicht hätte dass die Menschen mich anschauten und mich erkannten dass sie in meinem Gesicht lesen würden Vielleicht ist das was einem ins Gesicht geschrieben steht nicht so klar wie diese Zeilen aber wenn man bedenkt dass die Leser dieser Worte eigentlich unterschiedliche Erzählungen lesen kann man behaupten dass die Klarheit des Geschriebenen eine Täuschung ist Warum sollte ich dann nicht bevorzugen ein Gesicht zu haben Das was einen Menschen ausmacht ist sein Gesicht das begreife ich traurig und bewege vergebens meine fiktiven Hände in der dunklen Leere dorthin wo mein Gesicht sein müsste Ich sprach vom Sein In mir kommt ein Verdacht auf Warum versucht jemand der existiert jemanden zu erschaffen Zum Beispiel mein Autor mich Wie Gott den Menschen erschuf Ist das das Ergebnis eines Perfektionismus oder das Bedürfnis einen Mangel zu beheben eine Leere auszufüllen Schreibt er mich um in mir seine Spiegelung zu sehen um sich selbst zu erkennen Wenn dem so ist werde ich es schwer haben Überdies hatte ich nach so vielen Seiten noch gar nichts erlebt Ich laufe herum wie ein verirrter redseliger Geist der etwas vor sich hinmurmelt Wo ist die Erzählung in der ich leben werde Ein so wissender und begabter Held wieso spricht er seitenlang nur mit sich selbst Wenn es keine Handlung gibt wie werde ich dann ein Held Wie soll man sich an mich erinnern Ich kenne unzählige Helden aus Erzählungen die die ganze Welt bereisten Die in jedem Kapitel neue Geliebte hatten Den Wunsch in die Ferne zu reisen Wie weit wohl fern für einen Helden der auf den Seiten eines Buches lebt sein mag Vielleicht in der Bibliothek von anderen zu leben künftig wieder sein zu können Dann ist Ferne für mich ein Begriff der unmittelbar mit dem Vervielfältigen zu tun hat Genauso wenig wie ein Mensch seinen Körper verlassen und wie ein Sturmtaucher in der Endlosigkeit der Symbole fliegen kann kann auch ich nicht von den Seiten herunterspringen und mich unter die Menschen mischen Zwar versuchen aus dem Gedächtnis meines Autors entschlüpfende Informationen meine Gedanken durcheinander zu bringen Zum Beispiel zu versuchen jemand wie Sherlock Holmes zu sein den Ruhm des Autors in den Schatten zu stellen schließlich ist er für viele Leser wirklicher als sein Autor Holmes eine reale Person Der misslungene Versuch seines Autors ihn umzubringen Alles das ist sehr beeindruckend Aber was ich meine ist nicht Berühmtheit sondern aus Fleisch und Blut zu sein also einen Körper zu haben Trotz aller Banalität möchte ich das Ich weiß wenn ich die Person gewesen wäre die ich sein möchte hätte ich ihren Wert nicht zu schätzen gewusst Ich wäre vielleicht verzweifelt Ich hätte gedacht es wäre besser ein Held in einer Erzählung zu sein als ein gewöhnlicher Mensch Vielleicht hätte ich aus diesem Grund angefangen zu schreiben Während ich monoton meiner Arbeit nachgegangen wäre hätte ich Erzählungen geschrieben um nicht verrückt zu werden Ich hätte sogar Helden erschaffen die sich Gedanken über meine Bedenken machten die ich zu verbergen versuchte Plötzlich geschah etwas lieber Leser das bisher nie geschehen war Nachdem mein Autor den vorhergehenden Absatz beendet hatte dachte er eine Weile nach Ob er das streichen sollte Angsterfüllt wartete ich Das könnte das Ende sein In einem solchen hitzigen Moment würde mir meine Freiheit genommen und ich würde vielleicht nie wieder zurückkehren Vielleicht war ich zu weit gegangen Oder soweit ich das aus der Ecke in der ich mich in den Gedanken des Autors befand erkennen konnte war ich vielleicht zu zurückgezogen Also hatte ich triviale und mittelmäßige Gedanken vorgetragen die jedem hätten einfallen können Und weil diese Art von Niveaulosigkeit den Autor selbst zur Zielscheibe machte ließ sie ihn nun nachdenken Eigentlich hat er Recht Das sind ja meine Überlegungen doch ein Leser könnte sie für die Gedanken des Autors halten Das muss man sich vor Augen halten Zwar höre ich die beschwichtigenden Worte meines Autors Darüber muss man sich keine Gedanken machen wirklich nicht aber ich bin dennoch beunruhigt dass das falsch verstanden werden könnte Ich habe meine Fluchtgedanken meinem Autor übertragen und dabei versucht mich zu entlasten Ich entschuldige mich bei ihm vor Ihren Augen Ich spreche Sie häufig mit lieber Leser an das will ich Ihnen erklären Am Anfang hat mich meine Existenz so gefreut dass ich mich damit nicht beschäftigte zudem habe ich gedacht dass der Autor mich manche protzige Anredeformen sagen ließ und machte mir keine Gedanken darüber Aber jetzt erst verstehe ich dass ich diese Worte nicht aus Überzeugung benutze Denn Gott der Vater oder der Schöpfer einer Art von Naturwunder verlieh mir wie auch ihm die Fähigkeit des Begreifens doch ist dieser kein anderer als der Autor und seine Geliebte der Leser höchstpersönlich Jener unbekannte Geist der ihm bis zum Schluss zuhört der seine Fehler verzeiht manche seiner Worte mit Hingabe liest Deshalb kann ich mir keine andere Liebe vorstellen als die die um meine undurchdringliche Dunkelheit zu vertreiben als samtene Augen wer weiß welcher Farbe und welchen Geschlechts über mich streifen Vielleicht ist das die edelste und schönste aller Lieben eine vollends fiktive Person zu lieben ohne jegliche Gegenleistung zu erwarten Sie der Welt der Gedanken einzuverleiben und sie dort und sei es nur für eine Weile zu beherbergen Manchmal ermüde ich ihn Manchmal scheint er zu bereuen und ich spüre dass er innehält erinnern Sie mich daran dass ich Ihnen ganz ausführlich erzähle was für ein Gefühl es ist zu existieren Er denkt darüber nach warum ich etwas so Absurdes tue Da er mir Zugang zu seinem gesamten Gedächtnis insbesondere zu seinem strukturierten Wissen über die Welt freien Zugang gewährt hatte verwechselt er sich mit mir wenn ich von diesem Wissen Gebrauch mache Oder was noch schöner ist er glaubt dass er sich verwechselt Er verliert weitgehend meine Grenzen und glaubt dass ich mich in ihn verwandelt habe dass diese Worte aus seinem Munde stammen Ja das ist eine Halluzination aber dennoch behaupte ich mich auf das Wissen des Autors stützend folgendes Es ist nicht das erworbene oder praktische Wissen das die Menschen und ihre Charaktere voneinander unterscheidet oder einander ähnlich macht Denken Sie nur mal an Ihre Freunde oder Feinde die über das gleiche Wissen wie Sie verfügen Wie anders sie sind nicht wahr Was diesen Unterschied ausmacht das ist das Verhalten zweifellos Mein lieber Autor hätte daran denken müssen Ja jetzt hat er das durch mich gedacht Aber das ist gleichzeitig ein Beweis dafür dass er bislang an so etwas nicht gedacht und er seine Aufregung wirklich gespürt hatte Außerdem Wäre er der Held einer Erzählung gewesen also wäre er an meiner Stelle bin ich sicher dass er sich ganz anders verhalten würde Doch ich wollte erzählen welch ein Gefühl es ist Wort für Wort Buchstabe für Buchstabe zu entstehen Erstens ergießt sich jedes Wort mit einem anderen Gefühl mit einer anderen Geschwindigkeit Manchmal erscheinen sie von einer großen Freude und Euphorie begleitet manchmal wiederum voller Sorge und Schwermut Auch die Sätze sind merkwürdig Für mich beginnt und geht in jedem Satz etwas zu Ende Er ist nicht wie der Gedankenfluss den ich im Gedächtnis meines Autors verfolge eine verschlungene Ranke Er ist eindimensional aber dennoch entschlossen Zweitens leistet sich mein Autor nicht den Luxus das Geschriebene zu streichen wofür ich ihm sehr dankbar bin insbesondere nicht in dieser Erzählung Obwohl das für unsereinen der in einer Traumwelt lebt die wichtigste Waffe ist Es ist ein sehr schönes Gefühl wenn die Sätze immer wieder verbessert werden bis sie eine Vollkommenheit erlangen um der Aufmerksamkeit der Geliebten also des Lesers würdig zu sein Das ist ein anderer Ausdruck des Respekts den man uns entgegenbringt Ich hätte nicht in mangelhaften sorglos geschriebenen unfertigen Sätzen leben wollen Ich wollte vielmehr dass die Person die mich schreibt ein Meister seines Faches ist Dass mein geliebter Autor genau diesen Herzenswunsch hat begreife ich jetzt besser Meine Lobesworte die ich über ihn ausgeschüttet habe lassen ihn kalt außerdem was ist das für eine Erzählung immer noch geschieht nichts doch spüre ich dass alle meine Gedanken Teil eines Spiels sind Und ich muss gestehen dass diese Sache mit dem Spiel mich beunruhigt Spiele Literarische Spiele und auch die anderen Jedes Spiel birgt eine Leichtigkeit eine Unbeschwertheit Das gilt sogar für Spiele die ein böses Ende nehmen Auch wenn Sie selbst derjenige sind der in eine Falle tappt können Sie das kindisch schweinische Komplott akzeptieren und es verzeihen Natürlich nur solange das Komplott Ihren Verstand und Ihre Persönlichkeit nicht gefährdet In meinem Fall wird nicht nur mein Verstand sondern meine ganze Existenz in Gefahr gebracht Alle meine Aufregungen Ängste Leiden und Lieben lieber Leser verlieren ihre Farbe wie Falschgeld und aus der Welt der Wahrheiten treiben sie schnell in die Welt der Lügen und ich bleibe zurück wie ein schlechter Witz Stellen Sie sich ein Bild eines Comics vor aus dem Zusammenhang gerissen einfach so beziehungslos da stehend Weder haben die Dinge in jenem einen Bildaus schnitt eine Vergangenheit noch einen Reiz ein Motiv das Neugier auf das Kommende wecken würde Nun es gibt auch Dinge die interessant sind Zum Beispiel die Wiederholbarkeit aller Spiele im Text die Sie erlebt haben Zugleich die Unmöglichkeit dass manche Spiele die es nur in der Literatur gibt im wirklichen Leben realisiert werden könnten Das heißt dass das Leben das Sie wirklich nennen eine Untermenge der Literatur ist Wenn man von dem Prinzip ausgeht dass jede Obermenge die Teile aller in ihr vorhandenen Untermengen beinhaltet können wir zu der Schlussfolgerung gelangen dass das Leben eine in der Literatur enthaltene Untermenge der Wirklichkeit ist Ich spreche nicht von einer göttlichen Ordnung die Religionen als Heiligkeit und als Jenseitigkeit definieren Ich möchte nicht falsch verstanden werden Was ich meine ist die Überlegenheit der Literatur dem Leben gegenüber da sie viel mehr Möglichkeiten bietet komplexe Ketten von Beziehungen und Funktionen zu erschaffen Wer weiß vielleicht sage ich solche Dinge weil ich eine bedauernswerte Kreatur einer Traumwelt bin und mich damit trösten will Wann wird wohl das Abenteuer beginnen das dafür sorgt dass ich zum wirklichen Helden werde Vielleicht wissen Sie das lieber Leser Immerhin haben Sie das Recht vorzublättern um meine Zukunft zu erfahren Sie können ganz einfach erfahren was mich erwartet Wenn ich die Sache aus diesem Blickwinkel betrachte sehe ich dass Sie sogar auf einer höheren Stufe als mein Autor stehen Denn sogar er weiß nicht so genau was er schreiben wird Manchmal verwirklicht er seine Pläne manchmal nicht Meist kommen ganz andere Dinge heraus als er geplant hatte mein Weg führt oft über Sätze die das beteuern Ja zuvor auch Ich möchte nicht dass Sie lieber Leser denken der vorhergehende Satz wäre falsch gesetzt oder hätte einen anderen Fehler Das war einer der Schnitte die ich bereits erwähnt hatte Mein Autor war gezwungen mitten im Satz aufzuhören zu schreiben Als er Stunden später zurückgekommen war konnte er sich an den Rest des Satzes nicht mehr erinnern Zuerst wollte er ihn streichen Dann aber überließ er die Entscheidung mir Natürlich habe ich bevorzugt nichts zu streichen Alle diese Entscheidungen wurden durch eine stille Kommunikation meines Bewusstseins in seinem Bewusstsein und zwischen ihm selbst möglich Obwohl er die Entscheidung mir überlassen hat schaut er sich jenen halben Satz an und denkt ich glaube Sie merken diese Brüche nicht Zum Beispiel sind zwischen dem vorhergehenden Satz und dem Satz in dem ich mich gerade befinde zwei Tage vergangen Also hat mein Autor nach dem Wort möglich einen Punkt gemacht und schrieb zwei Tage später erst weiter Wenn er vielleicht je nach Zeit Tinte in unterschiedlichen Farben benutzt hätte wäre ein ganz anderer Text entstanden Er versucht zu ergründen was er gerade schreibt Eigentlich bin ich auch gespannt Vielleicht war das der Satz der den ganzen Verlauf ändern würde Es ist unser Recht darauf gespannt zu sein Ich war gespannt Auf alles Allen voran auf meinen lieben Autor warum er mich erschaffen hat insbesondere warum er mich mit der Gabe des Verstehens ausgestattet hat und was mein Problem sein würde Dann war ich auf Sie gespannt lieber Leser warum Sie diese Zeilen lesen wie Sie sich mich vorstellen ob ich Ihnen gefalle und ob ich ein Geheimnis habe Das interessiert mich so sehr Sie können sich das gar nicht vorstellen Ob diese Erzählung die ich im vollen Umfang verstanden zu haben glaube doch noch auf andere Weisen ausgelegt werden kann auf eine Weise auf die ich nicht gekommen bin Wird mir erlaubt werden wenn ich bis zu einem bestimmt Punkt komme diese Auslegungen zu entdecken Ich höre fast die ironische Stimme des Autors Diese Auslegungsmöglichkeiten wirst du selbst bewirken Deshalb traue ich mich das zu fragen Hätte es die Neugier nicht gegeben ich glaube lieber Leser Sie wären längst nicht so freundlich und würden stattdessen der gelangweilte Leser sein Vielleicht langweilen Sie sich sogar schon längst und haben das Buch schon beiseite gelegt bevor Sie bis zu diesen Zeilen vorgedrungen sind Mit wem rede ich dann Mit den Zeilen auf der gegenüberliegenden Seite Schrecklich wenn der Text mit Text bedeckt ist das Buch also zugeklappt ich weiß nicht ob Sie das verstehen lieber Leser wenn Sie Unterhaltung suchen Wenn sich die Worte die Zeilen und Absätze berühren ist das wie die Hölle Ich bitte Sie sich einmal nur Gedanken darüber zu machen was es bedeutet dass ein Text das Licht der Sonne erblickt Die Sonne ist für das Buch mindestens so wichtig wie für Ihre Pflanzen auf dem Balkon Ich weiß nicht ob er seine Blumen oft gießt aber ich weiß dass er sehr oft darüber nachdenkt was er gelesen hat Ich spreche von meinem lieben Autor Sie haben es bestimmt schon bemerkt ich kann von ihm ungeniert reden Wie sehr er auch vermeidet mit mir zu kommunizieren so glaube ich doch manchmal zu spüren dass er meine Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge lenken möchte In solchen Momenten denke ich dass ich sein Schicksal mit ihm teile Ich spüre dass wir beide für die gleiche Sache kämpfen dass wir zwei Genossen sind Das Gelingen dieses Kampfes hängt natürlich von ihm ab Wenn er zum Beispiel bei einem Unfall ums Leben käme würde ich bis in alle Ewigkeit in einem halbfertigen Satz ausharren müssen das steht fest Aber wenn ich sterben würde das allerdings wäre ein fiktiver Tod und ich würde am Anfang des Textes doch quicklebendig sein so dass das nicht viel ändern würde kämpfte mein lieber Autor weiter für unsere Sache da bin ich mir sicher Zumindest besteht diese Option Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten Zum Beispiel könnte ich außer Kontrolle geraten und beginnen ein Eigenleben zu führen So wie Sherlock Holmes wie ich bereits erwähnt habe Oder Don Quichotte Da beide aus der Kontrolle ihres Autors geraten waren wurden sie von diesem brutal ermordet An diesem Punkt vertraue ich auf die demokratische Einstellung meines Autors und bitte Sie um eine Schweigeminute zu Ehren aller erdachten Helden die aus der Kontrolle geraten waren und ihre eigene Existenz führen konnten Eine Minute Leere Sie haben vielleicht keine Schweigeminute eingelegt aber mein Autor hat tatsächlich eine Minute lang aufgehört zu schreiben Ich glaube er hat begonnen zu begreifen welchen Zauber Literatur ausübt Als er neulich nachts wieder Don Quichotte las gingen solche Gedanken durch seinen Kopf Er dachte lange darüber nach dass der Zauberer der Don Quichotte so viel Elend und Abenteuern ausgesetzt hatte selbst Autor war Dann dachte er über mich nach ich war sehr gerührt wirklich insbesondere dass ich im selben Satz wie solch wichtige Helden erwähnt wurde Na gut ich habe noch nicht einmal einen Namen Ich glaube mein lieber Autor denkt dass ein Held unserer Zeit keinen Namen haben kann Na wie auch immer und verglich meine Beschaffenheit mit der jener Helden Er verlor sich dabei in Gedanken die davon zeugten dass ich ihm gefiel ja dass er sogar gerne mit mir tauschen wollte Ich wiederum war darüber entzückt welch einen schönen Zauber diese Literatur genannte Sache hat Schicksal Mein Schicksal ist wortwörtlich ein geschriebenes Ein Schicksal das ich selbst zwar nicht dafür aber andere lesen können Auf den zurückliegenden und den nächsten Seiten kann man meine Vergangenheit und meine Zukunft lesen Die Existenz von Menschen die diese Seiten lesen und meine Vergangenheit und Zukunft verstehen können ja sogar dass mein geliebter Autor höchstpersönlich dieses Schicksal das ist allerdings eine Frage für sich Entwirft

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-32-neue-prosa-aus-der-turkei/murat-gulsoy (2016-05-02)
    Open archived version from archive

  • Transcript (Deutsch)
    Spion der die Geheimnisse jenes Ortes entschlüsselt Heutzutage sucht niemand mehr nach einem Sinn weil der Sinn verschlüsselt und verpackt wurde Glauben ist ein Gott der dir den Rücken streichelt Selbst wenn du jemanden abstichst ist Gott noch dein Komplize Deswegen haben auch alle immer recht aber ich bin weder moralisch gefestigt noch im Recht Meine letzte Festung ist gefallen Unwichtig sollen sie doch fallen Menschen die aus einem unterentwickelten Land kommen aber diesen Umstand nicht als eine schmerzvolle historische Tatsache akzeptieren können lesen einen Text indem sie genau auf dessen Schriftart achten Der Text ist nicht frei Wer hat das geschrieben warum hat er es geschrieben warum hat er auf diese Weise geschrieben Was bringt diesen Menschen auf solche Gedanken Ich kann um mich herum nichts dergleichen entdecken Wenn man es nicht sehen kann ist sowieso alles vorbei Die Entfernung scheint dem Leser eine lange Nase zu drehen Die Leser hier mögen das nicht Sie sind nicht offen für die Gefahren einer fremden Welt Für sie muss man das beschreiben was sie schon kennen Aber auch sie haben recht Ein Text muss entweder eine Erklärung oder eine Lösung anbieten Unklarheiten mögen wir hier nicht Ein Gedicht muss bitte schön auf ein klares Ziel verweisen Und die letzte Frage Welcher Ort bleibt für mich übrig Wo kann ich noch einen Platz zum Leben finden Muss ich mich für mein Dasein entschuldigen Entschuldigt sich ein gebrochener Arm bei seinem Besitzer dafür gebrochen zu sein Ich ziehe mich immer mehr in mich selbst zurück Das ist der Ort von dem aus ich die ganze Welt verändern möchte Es ist als würde ich in einem publikumsleeren Saal eine Rede halten Keine Auszeichnung kein Dank Nein zu allen Bescheinigungen und Zertifikaten Alles was der Außenwelt angehört alles was falsch und künstlich ist habe ich gelöscht Diese ganze Show schau Papa wie schön ich tanze Leute hey seht mich an seht her wie clever ich bin diese Lüge ist für mich zu Ende Die Leben die dir die mir die ihm weggenommen worden sind gleichen sich Nur diejenigen die gewinnen können den Preis aus eigener Tasche zahlen Aber wir wollen das nicht Es gehört sich nicht jemandem dafür böse zu sein das Spiel gekonnt zu spielen Wie stumme Nagetiere begnügen wir uns damit im Dreck zu wühlen am Holz zu nagen Unsere einzige Sorge ist etwas zu erwischen und schnell damit wegzulaufen Wir geben uns schon mit wenig zufrieden Die Nächte in denen meine Mutter meinen Vater aus dem Bett warf waren immer sehr bedrückend für mich Während ich noch schlief glitt er wie ein Gespenst in mein Zimmer und baute sich am Kopfende meines Bettes auf Komm steh auf und geh zu deiner Mutter Seine immer dünner werdende Silhouette mit dem länglichen einer aufgespießten Honigmelone gleichenden Kopf beugte sich mit einem kränklich aussehenden Buckel über mich und zog meine Bettdecke fort Meist stand ich dann unwillig auf und ging in gewohnter schlafwandlerischer Sicherheit zum Zimmer meiner Mutter In unserem stockfinsteren Haus war es das

    Original URL path: http://transcript-review.org/de/issue/transcript-32-neue-prosa-aus-der-turkei/sibel-k-turker (2016-05-02)
    Open archived version from archive



  •